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Livekritik zu

Klassenkampf

24.03.2017 - 13.05.2017 | Berlin [ Neukölln ] / Heimathafen Neukölln
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Nicole Haarhoff
am 11.04.2017

An der Neuköllner Karl Marx Schule ist das Chaos groß, leider nur nicht groß genug. Die knallharte Rektorin Frau Eisner (Constanze Behrends) äugt eifersüchtig auf den Rütli-Campus. Ach, gäbe es doch an ihrer Schule auch einen Brandbrief! Oder irgendeinen handfesten Skandal, um mediale Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Marode sind schließlich alle Berliner Schulen, damit lockt man die Sensationspresse nicht hinterm Ofen hervor.

In der Assi-Klasse (Arbeit statt Strafe Initiative) hat sich derweil längst Resignation breit gemacht. Chill mal, ist die Parole, die der ambitionierte Sozialpädagoge Lars (Tom-Veit Weber) immer wieder an den Kopf geknallt bekommt. Sein aufbauendes Gitarrenspiel ruft bei den Schülern eher Fremdscham hervor. Vor allem Drogendealer und Schläger Samir (Walid Al-Atiyat) reagiert mit Abwehr. Die aggressive Gülcan (Lodi Doumit), die zarte Trinkerin Rosa (Romina Küper), der obercoole Ali (Ugur Kaya) und der schlaue Lex (Florian Bamborschke), die alle als Strafe zusammen mit der Hausmeisterin Frau Karl die Wände schrubben sollen, wissen gar nicht so recht, warum, wieso und gegen wen sie sich eigentlich auflehnen sollten. Dass an ihrer Schule nicht alles in Ordnung ist, das wissen sie, klar. Aber wenn sie ihre Probleme formulieren sollen, dann sind sie sprachlos.

Dabei haben sie eigentlich genug, worüber sie reden müssten. Samir kümmert sich allein um seine kleinere Schwester. Rosas Eltern liefern sich eine epische Scheidungsschlacht. Lex‘ Eltern sind vor Jahren dem Bosnienkrieg entflohen, aber nie wirklich in Deutschland angekommen. Dazu kommen Banden, Gewalt und Drogenprobleme in der Schule. Als „NDH“-Schüler, also nicht deutscher Herkunft, fühlen sie sich alle unverstanden und von den deutschen Lehrern im Stich gelassen. Auf die schlechten Zukunftsprognosen, die Rektorin Eisner ihnen pauschal überhilft, reagieren sie mit gespieltem Gleichmut. Chill mal.

Hausmeisterin Karl (Christiane Ziehl), die ihre karge Rente aufbessern muss, ist es, die den Assis zum ersten Mal von Kommunismus erzählt, von der DDR und den Gedanken, die Marx und Engels einst formulierten, die aber niemals erfolgreich umgesetzt wurden. Die Jugendlichen sind begeistert. Vor allem Samir ist vom Gedanken der Revolution gefesselt. Schnell läuft allerdings alles aus dem Ruder und die eigentlich gewaltfreie Aktion der Schüler wird zu einem Politikum, als die haifischartige Reporterin Hanna Köster (Britta Steffenhagen) Blut wittert und aus dem arglosen Ali einen gewaltbereiten Terroristen mit einer Bombe macht.

Wer jetzt allerdings an ein dröges, schwieriges, niederschmetterndes Stück erwartet, ist vollkommen schief gewickelt. Das liegt nicht nur an den vielen tollen Songs, die vor allem die vier „Assis“ großartig darbieten, sondern auch daran, dass das Stück sehr witzig ist. Constanze Behrends hat einfach ein Händchen dafür, schwierige und kontroverse Themen lustig zu verpacken, sodass der Zuschauer zwar zum Nachdenken angeregt, aber auch gut unterhalten wird! Obwohl so viele wuchtige Themen angesprochen werden, hat man nicht das Gefühl, als würden diese auf die leichte Schulter genommen.

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Revolutions-Musical aus Neukölln - zum schieflachen und mitsingen!

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