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Livekritik zu

Trilogie meiner Familie I-III

23.09.2017 - 21.05.2018 | Hamburg [ Mitte ] / Thalia Theater
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august14979
am 08.04.2018

Am Karfreitag ging er wieder einmal an den Start, der Theatermarathon „Trilogie meiner Familie: Liebe – Geld - Hunger“ nach Emile Zola. Luk Perceval fasst sieben Zola-Romane zusammen und macht daraus ein dreimal 2 Stunden dauerndes Bühnenspektakel. 12 Darsteller, eine Familie.

Auf einem gewellten Holzboden werden die dramatischen Schicksale abgewickelt. Die Greisin – Tante Dide – sitzt nur „virtuell“ im Rollstuhl, aber sogleich im Fadenkreuz, denn sie ist die Ursache des ganzen familiären Übels. Gabriela Maria Schmeide übernimmt lustvoll die Rolle der fleißigen Wäscherin Gervaise. Ihr Ehemann Coupeau, zunächst sympathisch daherkommend, sich aber allmählich zum Tyrannen seiner Familie entwickelnd, wird von Tilo Werner dargestellt. Tochter Nana (exzellent: Maja Schöne) entflieht rechtzeitig dem Familiendebakel, um ihr Leben künftig als Edelkurtisane zu fristen. So endet „Liebe“ und lässt uns im Zuschauerrand zweifeln darüber nachsinnend zurück, ob unser Leben wirklich selbstbestimmt ist, oder ob unser Schicksal – sozusagen als elterliches Erbgut - in die Wiege gelegt wurde. Wäre es so, bedürfte es ja unsererseits keinerlei Anstrengung mehr. „Et kütt wie et kütt“, sagt der Rheinländer, wir könnten unserem Schicksal eh nicht entweichen. Derart pessimistisch gestimmt geht es in die erste Pause.

„Geld“ wartet natürlich mit der bei Perceval erwartbaren Kapitalismus- und Bankenkritik auf. Im Mittelstück der Trilogie wird die grandiose Ensembleleistung besonders deutlich: Maja Schöne als minderbegabte Schauspielerin Nana mit ihren zahlreichen Affären, Patrycia Ziolkowska als Kaufhausangestellte mit leicht revolutionärem Ansatz und der sie heftig umschwirrende Kapitalist Saccard (Sebastian Rudolph), der geile, Nana stets zu Füßen liegende Greis Muffat (Barbara Nüsse) und der noch geilere Jüngling Hector (Pascal Houdos). Parallele Handlungsstränge, die doch irgendwann zusammengeführt werden, erfordern hohe Konzentration beim Publikum. Erschöpft und beeindruckt wankt der Zuschauer in die nächste Pause. Teil 2 ist der deutlich stärkste dieses Theatertrios.

Der dritte Teil spielt sich vorwiegend im Dunkel ab. Wir bewegen uns in einem Bergwerksinnern und erleben hautnah die klaustrophobische Enge des Arbeitens im brütend heißen Stollen. Lange Zeit bilden die kleinen Lämpchen, die von der Stirn der Darsteller blinken, die alleinige Bühnenbeleuchtung. Die Ausbeutung der Arbeiter ist immanent, die Löhne miserabel und bei weitem nicht ausreichend, um eine Familie zu ernähren. Die Streiks, die daraus folgen, werden einmal von Streikbrechern konterkariert, dann von der Staatsmacht blutig niedergeschlagen. Unverkennbar hat Perceval hier große Teile des Zola-Romans „Bestie Mensch“ verarbeitet. Stephan Bissmeier spielt einerseits den hilflosen Bergwerksdirektor, aber auch den Bahnhofsvorsteher Roubaud. Jacques (Rafael Stachowiak) ist der Lokomotivführer, Zeuge eines Mordes, der sich am Ende in die Frau des Mörders verliebt und selbst zum Mörder wird. Durchweg grandios gespielt, wenn auch die Qualität des vorzüglich inszenierten zweiten Teils nicht erreicht wird.

Pessimismus in konzentrierter Form, von nachmittags bis Mitternacht, da hätte der Zuschauer sich schon ein Schmerzensgeld verdient. Dem Ensemble gilt allerdings meine rückhaltlose Bewunderung für die grandiose Bewältigung dieses Theatermarathons.

 

Besucherfazit

Faszinierender Gewaltmarsch durch Zolas Werke.

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