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Livekritik zu

King Bethel

10.08.2013 - 25.08.2013 | Berlin / Görlitzer Park Berlin
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Stefan Bock
am 22.08.2013

Seit drei Jahren nutzen die Macher von Shakespeare im Park bereits die weitläufige Kreuzberger Parkanlage zwischen Wienerstraße, Görlitzer Straße und dem Landwehrkanal als Spielwiese für ihre Performance-Theaterstücke, die sich bisher immer um eine Gestalt des Shakespeare‘schen Dramenkreises wie König Heinrich IV. oder Thomas Moore drehten. Da sie im letzten Jahr mit ihrer wilden Performance „Utopia™ – Where All Is True“ Teilnehmern einer türkischen Feier in die Quere kamen, haben sie sich in diesem Jahr freiwillig an den Rand des Görlitzer Parks verzogen und stellen dort an der Parkmauer in einem Buddelkasten die Gründerzeitstory um den jüdisch-deutschen Eisenbahnkönig Bethel Henry Strousberg und damit ein gutes Stück Kreuzberger Geschichte nach.

„King Bethel“ ist eine Art Lecture-Performance, in drei Teilen angelegt, die, thematisch gesehen, auch gut für sich allein stehen könnten. Verbindendes Element ist die historische, heute fast vergessene Figur des 1823 in Ostpreußen geborenen und in England aufgewachsenen, ideenreichen Gründers und Eisenbahnunternehmers Bethel Henry Strousberg. Er begann mit Hilfe guter Beziehungen zur preußischen Regierung und englischer Finanziers ab 1962 ein kleines deutsches Eisenbahnimperium aufzubauen. Man könnte auch sagen, Strousberg war einer der ersten und sehr erfolgreichen Lobbyisten in eigener Sache, der seine Beziehungen zur preußischen Regierung geschickt zu nutzen wusste, bevor er selbst in die Politik einstieg und Abgeordneter im damaligen Reichstag wurde. Heute verlaufen die Karieren deutscher Politiker eher andersherum.

Das Interessante, und damit der wirkliche Link in die Gegenwart, ist aber die, für damalige Verhältnisse einfallsreiche Finanzierung seiner kostspieligen Eisenbahnbauvorhaben. Er bezahlte die ausführenden Generalunternehmer mit Anteilen an seinen Eisenbahnaktien, die jedoch weit überzeichnet waren und somit das vermeintliche Kapital seiner Gesellschaft künstlich aufblähten. Eine faule Finanzblase also, die einem heute auch nicht von ungefähr so aktuell erscheint. Nach dem Platzen der finanziellen wie politischen Träume in den 1870er Jahren verstarb Bethel Henry Strousberg in eher einfachen Verhältnissen 1884 in Berlin.

Strousberg hatte aber auch eine durchaus fortschrittliche und soziale Seite, die man nicht ganz unerwähnt lassen sollte. Er zahlte vergleichsweise gute Löhne, baute Arbeitersiedlungen in der Nähe seiner Fabriken und verkürzte die tägliche Arbeitszeit. Diese Ambivalenz eines einerseits an hochproduktivem Manchesterkapitalismus und dubiosen Finanzierungen orientiertem Industriellen und andererseits eines am gesellschaftlichen Fortschritt interessierten Entwicklers ganzer Stadteile und überregionalen Infrastrukturen bietet genug Stoff für eine abendfüllende künstlerische wie auch politische und in Teilen nicht ganz unironische Betrachtung seitens der Macher von Shakespeare im Park. Jedes der drei Stücke nimmt sich dann auch eine ganz bestimmte Episode aus der bewegten Biografie Strousbergs zum Thema einer spielerisch didaktischen Performance mit viel Musik und regional spezifischem Bezug zum Spielort Görlitzer Park.

Zu Beginn des 1. Teils verteilt das Team (Katrin Beushausen, Maxwell Flaum, Alberto Di Gennaro und Brandon Woolf), in blaue historische Schaffnerkostüme gekleidet, „Das kleine Journal“. Ein Handzettel, auf dem anhand von Leitartikeln und in kleinen Randglossen die Story in groben Zügen nachlesbar ist. Innerhalb von ca. 45 min. entwickeln die Performer ein Bild des Mannes, um den es laut Titel dieser „ortsspezifischen Performance“ im Weiteren gehen wird. Und dazu werden in einem Buddelkasten am Rande des Görlitzer Parks mit Paletten und Metallstangen auch Schienen verlegt. Ein Prozedere, dass sich an den folgenden Tagen immer wiederholen wird.

King Bethel Strousberg im weißen Frack, dargestellt vom ansonsten stummen Musiker Leigh Jonathan Thomas, wird in einer Art Schatztruhe auf Rädern über diesen provisorischen Schienenstrang geschoben. Sein Leben entsteht in Erzählungen, Spielszenen und kleinen Moritaten wie dem „Choo, Choo Sham!“ (Eisenbahnschwindel), einer Art Präludium, das, auf einem kleinen Flügel vorgetragen, zum alles verbindenden musikalischen Hauptthema des Stückes wird. Es geht um die Anfänge Strousbergs, seine erste Maschinenfabrik in Hannover-Lenden und dem von ihm errichteten Musterstädtchen, das bei einer Art imaginierten Führung bildlich aus Pappe vor uns entsteht. Der Wohltäter King Bethel, der seine Nähe zu den Arbeitern betonte und sie sogar als "Schwingen des Kapitals" bezeichnete, schloss das Werk in Hannover allerdings nach einer ersten Krise und zog nach Berlin.

Hier finanzierte er mit Hilfe von Aktienverkäufen den Bau des Görlitzer Bahnhofs, baute die erste Markthalle am Schiffbauer Damm und wurde von Friedrich Engels bereits als neuer Kaiser von Deutschland gehandelt. Der 2. Teil, der wie ein lustiger Kindertheaternachmittag beginnt, und von der Willenskraft der kleinen blauen Lokomotive aus einem gleichnamigen Kinderbuch berichtet, führt das Publikum spielerisch an die schwierigen Zusammenhänge der Finanzierungspraktiken Bethel Strousbergs heran. Es treten ein erster Gastarbeiter Mr. Spider und die schlauen Anwälte Herr Fuchs und Herr Igel auf, die Spider einen imaginären Phantasietaler überreichen. Dazu philosophiert Kant, der andere große Ostpreuße aus Königsberg und Experte für gesunden Menschenverstand, über die Vorstellungskraft und den Satz vom Widerspruch. Apriori oder a posteriori, mit der Kraft der Imagination und Phantasie lässt sich sogar die hohe Parkmauer bezwingen, wie dieser sehr unterhaltsame Nachmittag beweist.

In Teil 3 geht es dann um die globalen Unternehmungen Strousbergs. In einer fiktiv satirischen Rede des osmanischen Botschafters spricht Katrin Beushausen von den Bestrebungen des Eisenbahnkönigs um 1868 eine Bahn nach Istanbul zu bauen. Er nutzte dazu wiederum seine Beziehungen zum Haus der Hohenzollern, dessen Prinz Karl Eitel Friedrich Fürst von Rumänien war. Finanzierungsengpässe, Pfusch am Bau und der Russisch-Osmanische Krieg 1878-79 lassen Strousbergs Expansionsträume jedoch platzen. Der Gründerkrach bringt ihn um 1879 dann schließlich ins Schussfeld nationalliberaler Reichstagsabgeordneter wie Eduard Lasker und Heinrich von Treitschke, die mit antisemitischen Ressentiments und entsprechenden Schriften Stimmung gegen die „Gier des Gründerunwesens“ und „das Zeitalter deutsch-jüdischer Mischkultur“ machen. Treischkes Machwerk „Unsere Aussichten“ wird verteilt und das Team setzt sich Masken mit krummen Nasen auf.

Strousberg landet schließlich hinter Gittern und eine Pappeisenbahn geht in Flammen auf. Im letzten Teil der Trilogie überschlagen sich die Ereignisse, was sich auch im leicht chaotischen Spiel der multilingualen Truppe bemerkbar macht. Die Fäden laufen nicht mehr so zielsicher zusammen, wie noch beim Bau der Spreewaldgurkenbahn. Und wie eine Bahnlinie mit den Stationen London, Berlin, Istanbul nicht an einem Nachmittag erbaut ist, so lässt sich selbst mit den Mitteln der Imagination in einem Stündchen Theater vergleichsweise wenig an Informationen unterbringen.

Was in den letzten Jahren das Pfund war, mit dem die Truppe wuchern konnte, erweist sich nun vor den Mauern des Parks als großes Manko. Die Einengung auf ein beschränktes Areal tut der schier grenzenlos, ausufernden Performance nicht immer gut. Ob es dem Mangel an Fördergeldern geschuldet ist, oder den in Kreuzberg allgegenwärtigen Mechanismen von Migration, Integration und Verdrängung. Egal. Es ist den Machern von Shakespeare im Park auf jeden Fall zu wünschen, dass es auch im nächsten Jahr mit ihrem stadtteilerkundenden Spiel weitergeht.

Besucherfazit

Mit der Kraft der Imagination und Phantasie.

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Medien von Stefan Bock

King Bethel - Shakespeare im Park - Foto: St. Bock
King Bethel - Shakespeare im Park - Foto: St. Bock
King Bethel - Shakespeare im Park - Foto: St. Bock
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