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Livekritik zu

Peep now, chosen loneliness

31.05.2013 - 16.06.2013 | Berlin [ Prenzlauer Berg ] / Ballhaus Ost
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Jamal Tuschick
am 03.06.2013

Sag mir deinen point of view
Peep Now – Chosen Loneliness – No Fourth Wall im Ballhaus Ost

Backen auf der Bühne ist der letzte Schrei auf dem Theater und findet auch bei Lesungen statt. Zuletzt verkohlte die Lyrikerin Monika Rinck Brötchen in einer Mikrowelle des Theaterdiscounters. Ganz weit vorn ist man aber auch mit der Aufforderung: „Sag mir deinen point of view."

Eine geradezu architektonische Vorstellung von der Vorstellung zu haben, die man abgibt, ist der genaue Punkt, auf den man sich im akuten Jetzt bringen sollte. Kann sein, dass das morgen schon als brutalistische Kabinettausstellung des Egos gehandelt – und man in der Flüchtigkeit von temporary spaces wieder wolkig wird und dann auch wieder alles Mögliche ökonomisch indiskret ist, aber im Augenblick zeigt man kochende Kante. Besonders deutlich erscheint das in Inszenierungen von Adela Bravo, die Philosophie mit Architektur verbinden.

„Blut, Schweiß und Tränen sind Siebziger Jahre“, erklärt die Regisseurin. Das veröffentlicht auch einen leisen Einwand gegen das barbarische Theater aus Skandinavien mit seinen Fäkalerregungen und Blowjobs hypnotisierter Zuschauerinnen. Adela Bravos Überschreitungen sind soft. An so einem Übergang muss der Zuschauer gar nicht bemerken, dass jetzt alles anders ist als im Theater einst - und für ihn keiner mehr spielt.

„Peep Now – Chosen Loneliness“ ist zunächst eine literarische Arbeit, die nach Brot frisch aus dem Ofen duftet. In einer Peep Show-Situation laufen Texte der Einsamkeit zusammen. Zitiert werden u.a. Michel de Montaigne, für den Einsamkeit Freiheit bedeutete, Herman Melville, Juan José Millás und Luis Sepúlveda. Die Rede ist „von glücklichen Orten“, „der Bäckerei einer Kindheit“. Das klingt so in der Summe, als würde eine beiläufige Biografie abgehandelt.

Das Publikum klumpt an den perforierten Wänden einer Kabine, die in einer ebenso aussichtsreichen Schale steckt. Man kann Susanne Meyer bei der Erledigung ihrer solistischen Aufgabe zusehen, Zuschauer beobachten und den Raum auf sich wirken lassen. Jeder sieht was anderes und keiner sieht alles.

Die Installation von Anja Stachelscheid und Adela Bravo ist mehr als nur eine Gestaltung. Sie spielt mit und manchmal spielt sie die größte Rolle. Sie verändert ständig das Verhältnis des Zuschauers zum Geschehen, indem sie ihm Standpunkte offeriert und ihm zugleich die Sicht auf Aktionen verstellt.

Das Geschehen im Kern des Gehäuses entspricht Durchgängen in einer unaufgeräumten Einraumwohnung. Wie in „Psycho“ spielen Perücken verrückt, Susanne Meyer zieht sich um, rennt herum und zieht das Publikum wie einen Rattenschwanz hinter sich her. Alle filmen und fotografieren - und selbst im Publikum könnten Schauspieler sein, die Publikum spielen und so tun als gäbe es ein stärkeres Interesse als das erotische. Die Spielanlage macht aus jedem einen Voyeur und einen Ausgesetzten. Zudem Schopenhauer aus dem Off – Einsamkeit als Programm.

Das Publikum sabotiert die Exklusivität des Aufbaus. Es sucht Wege in die Konvention, es will zurück in die Unfreiheit. So wird es major player und bleibt endlich sich selbst überlassen, während sich Susanne Meyer aus dem Verhängnis der Anziehung in die schlichte Abwesenheit begibt. Wie immer, wenn Meyer Bravo spielt, ist das großartig und überraschend.

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