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Livekritik zu

NUREJEW GALA 2016

26.06.2016 | Wien / Wiener Staatsoper
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cgohlke
am 26.09.2018

Ein Klassiker, ganz klassisch

„Giselle“ beim Wiener Staatsballett

Giselle gilt als Inbegriff des klassisch-romantischen Balletts und fehlt daher in keiner großen Campagnie. Natürlich ist das Stück, dessen Libretto Théophile Gautier verfasst hat, auch im Repertoire des Wiener Staatsballetts zu finden. Die dortige Fassung von Elena Tschernischova hatte 1993 Premiere, beruht aber weitgehend auf der Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen russischen Version, greift mithin also auf Vorlagen von Jean Corelli, Jules Perrot und natürlich Marius Petipa zurück.

Auffallend an der Wiener Fassung, die am vergangenen Freitag zum 78. Mal zu sehen war, ist zunächst das Bühnenbild von Ingolf Bruun, das dezent und geschmackvoll in Grautönen gehalten ist. Die Kostüme von Clarisse Praun-Maylunas fügen sich in diese Zurückhaltung ein und setzen nur sparsame Farbakzente, so dass der Zuschauer sich gut auf die Handlung konzentrieren kann. Vor allem im ersten Akt wird die Geschichte durch pantomimische Szenen vorangetrieben. Mit sehr klaren, unmittelbar verständlichen Gesten erzählen die Wiener Tänzer von der Liebe zwischen Giselle und dem Herzog Albrecht, aber eben auch von der Eifersucht Hilarions, der seinen Konkurrenten schließlich als Adeligen outet, woraufhin Giselle die Hoffnung auf eine Verbindung mit ihm aufgeben muss und – so ist das im Ballett – dem Wahnsinn verfällt und stirbt. Liudmilla Konovalova spielt und tanzt Giselle mit großer Bühnenpräsenz und mit tadelloser Technik. Dabei ist Robert Gabdullin ihr ein eleganter Partner, der nicht nur die Hebefiguren mit schwebender Leichtigkeit meistert, sondern auch über beeindruckende Sprungkraft verfügt. Eno Peci ist als Hilarion ein kerniger Widersacher, der Liebe und Zorn pantomimisch und tänzerisch glaubhaft vermittelt. Insgesamt besticht der erste Akt durch atmosphärische Dichte, die gar nicht zuletzt der schauspielerischen Begabung der Tänzer zu verdanken ist. So gelingen zum Beispiel Franzsika Wallner-Hollinek als Giselles Mutter Berthe eindringliche Szenen, warnend zunächst, dann ausdrucksvoll um die tote Giselle trauernd.

Der zweite Akt ist natürlich weit weniger von pantomimischen Elementen geprägt. Hier kommt es vor allem auf die Perfektion der Tänzerinnen an, die als Wilis auftreten. In Wien gelang das, wenn nicht makellos, so doch überzeugend, und Kiyoko Hashimoto war eine so schwebend leichte wie unerbittliche Elfenkönigin Myrtha. Ein wenig klarere Konturen hätte man sich hier vielleicht beim Erzählen der ja verhältnismäßig komplizierten Handlung gewünscht: Dass Hilarion sich buchstäblich zu Tode tanzt, bleibt ein wenig blass. Hier wäre von Eno Peci wohl eine stärkere Exaltation nötig gewesen. Und wer die Handlung nicht ohnehin längst kennt, dem wird es vielleicht auch schwerfallen, die List Myrtas zu verstehen, die Giselle als Lockmittel für Albrecht einsetzt, der so beinahe das nächste Opfer der Wilis wird, schlügen nicht im letzten Moment die erlösenden Morgenglocken. Das ist alles auf hohen Niveau getanzt und sehr schön anzusehen. Aber gerade nach einem erzählerisch so starken ersten Teil fällt das Ende ein wenig ab. Atmosphäre und Stimmung vermittelt dieser Akt aber natürlich dennoch – auch dank des Staatsopernorchesters, das unter der Leitung von Ermanno Florio keine Zeichen müder Routine zeigt, sondern mit klangsinnlicher Schönheit berückt.

Wien, 21. September 2018

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Erzählerisch und tänzerisch stark

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