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Livekritik zu

Das Bildnis des Dorian Gray

18.06.2016 - 06.05.2017 | Dortmund / Theater Dortmund - Megastore
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cgohlke
am 25.09.2018

Wenn es nur umgekehrt wäre

Oscar Wildes „Dorian Gray“ als Einpersonenstück am Wiener Akademietheater

Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“, 1891 in London publiziert und sofort als skandalträchtige Sensation vom Publikum aufgenommen, gehört bis heute zu den populärsten Romanen der Weltliteratur. Er wurde zahllose Male adaptiert. Allein 14 Ballett-Fassungen, neun Opern, 17 Verfilmungen und gut zwei Dutzend Theaterfassungen listet Wikipedia auf. Die Faszination für diesen Charakter ist demnach ungebrochen stark, ist vielleicht sogar in den letzten Jahren noch stärker geworden. Das mag mit einer Welt zu tun haben, in welcher der schöne Schein dominiert, die Selbstdarstellung auf Median wie Instagram immer wichtiger wird und die Sehnsucht nach Jugendlichkeit geradezu schmerzhaft groß ist.

Insofern ist es nicht überraschend, dass das Intersse an „Dorian Gray“ auch in Wien groß ist. Am dortigen Akademietheater läuft seit 2010 eine von Bastian Kraft eingerichtete Fassung, die nach wie vor für ein volles Haus sorgt. Das liegt am Thema, es hängt auch mit der seltsamen Mode zusammen, Romane fürs Theater einzurichten, ist aber nicht zuletzt ein Verdienst von Markus Meyer. Der 1971 geborene Schauspieler gehört seit 2005 zum Ensemble des Wiener Burgtheaters. Seine Wandlungsfähigkeit kann er eindrucksvoll gerade in Krafts Fassung von „Dorian Gray“ zeigen, weil er in dieser Version alle Rollen selbst spielt. Meyer steht zwar mit goldgeschminktem Gesicht leibhaftig nur als zunächst jugendlich umgekümmerter, später zusehends bitterer und herrischer Dorian auf der Bühne. Doch er interagiert mit Video-Einspielungen, die ihn vor allem als jovialen, ein wenig biederen Maler Henry oder als lässig eine Zigarette rauchenden, nie um ein Bonmont verlegenen eitlen Dandy Basil zeigen. Es sind vor allem diese beiden Männer, die auf den jungen Dorian einwirken. Aber auch als James oder als Alan ist Markus Meyer zu sehen, und er vermag es, allen diesen Charakteren eine durchaus eigene Note, einen eigenen Ton zu verleihen. Diese Filmsequenzen werden auf rechteckige, verschieden große, übereinandergestapelte Flächen projiziert, die zusammen eine Art von Gerüst bilden, auf dem sich Dorian während des Abends bewegt. (Bühne: Peter Bauer)

Die Wiener Theater-Fassung folgt dem Handlungsverlauf des Romans recht genau, legt aber einen gewissen Schwerpunkt auf die Ausgangssituation, in der Dorians Wunsch aufkommt, das von Henry angefertigte Gemädle möge statt seiner altern. „Wenn es nur umgekehrt wäre!“. Eher summarisch werden dann die Schandtaten abgehandelt, deren sich Dorian im Wissen um seine dauernde Schönheit zuschulden kommen lässt. Etwas manieriert wirken die Wiederholungen von Textpassagen, die im letzten Drittel des kurzen und kurzweiligen Abends (die Aufführung dauert nur rund 70 Minuten) immer einmal wieder vorkommen und wohl Dorians Wahnsinn zeigen wollen. Dennoch: Der Besuch dieser Inszenierung lohnt dank der Darstellungskunst des Protagonisten und ist darum nicht nur für jene zu empfehlen, die wissen möchten, worum es in „Dorian Gray“ geht, aber keine Lust haben, den Roman zu lesen, sondern auch für alle, die das Buch kennen und Freude am gesprochenen Wort haben.

Wien, 22. September 2018

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