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Livekritik zu

Penthesilea

19.10.2013 - 25.10.2013 | Frankfurt (Oder) / Kleist Forum
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cgohlke
am 06.08.2018

Und jeder Busen ist, der liebt, ein Rätsel

Heinrich von Kleists „Penthesilea“ bei den Salzburger Festspielen

 

Goethe mochte das Stück nicht. Kleist hatte es ihm „auf den Knien (seines) Herzens“ übersandt und war von Goethes Kritik dann empfindlich getroffen. Er könne sich, heißt es im Antwortschreiben aus Weimar vom 1. Februar 1808, mit der Penthesilea „noch nicht befreunden. Sie ist aus einem so wunderbaren Geschlecht und bewegt sich in einer so fremden Region daß ich mir Zeit nehmen muß mich in beid zu finden.“ Stimmt schon, mit der Antike, wie Schiller und Goethe sie als gleichsam rückwärtsgewandte Utopie imaginiet hatten, hat Kleists wilde Frauengestalt, die am Ende ihren Geliebten buchstäblich zerreißt, nichts zu tun. Und so half auch die Zeit wenig, Goethe konnte sich nicht anfreunden mit diesem exzessiven Theaterstück.

Bis heute wird die 1806/1807 entstandene Tragödie selten gespielt. Jetzt wagten die Salzburger Festspiele in einer Koproduktion mich dem Schauspielhaus Bochum eine neue Inszenierung. Das Stück passt vortrefflich zum Thema dieses Sommers, der von den Motiven der Ekstase, Passion und Leidenschaft bestimmt wird. In dieses Umfeld gehört Strauss‘ „Salome“ genauso wie Henzes „Bassariden“ und eben Kleists „Penthesilea“.

Der Regisseur Johan Simons hat sich mit seinem Dramaturgen Vasca Boenisch dafür entschieden, eine eigene Textfassung zu erstellen, die radikal auf zwei Schauspieler begrenzt ist: Achill und Penthesilea. Alle Passen, die von anderen Figuren gesprochen werden, werden in dieser Produktion zum Teil von den beiden Protagonisten übernommen, so dass sie nicht nur miteinander, sondern hauptsächlich übereinander reden. Legitim mag ein solches Vorgehen sein, weil Kleists Drama stark von Botenberichten und Teichoskopien bestimmt ist und das Erzählerische ohnehin im Vordergrund steht. Ganz leicht zu folgen ist dieser Fassung jedoch nicht, und wer seinen Kleist nicht parat hat (und wer hat ihn eigentlich noch parat?), der verliert wohl leicht den Überblick in den Dialogen, weil nicht immer klar wird, wessen Stimme man nun eigentlich gerade lauscht.

Der Vorteil dieses Konzeptes besteht in einer Konzentration, die man so selten im Theater erlebt. Die Bühne ist schwar, die spärlichen Kostüme sind es auch, Requisiten gibt es kaum. Im Zentrum steht Kleists Text. Und der ist bei Sandra Hüller und Jens Harzer in guten Händen. Ihr Spiel ist intensiv und sehr körperlich. Die beiden umkreisen sich immer wieder, atmen schwer, sind stark zueinander hingezogen, gewinnen dann aber doch immer wieder Distanz. Am stärksten ist ihr Spiel, wenn sie wirklich Achilles und Penthesilea sind und also miteinander und nicht nur übereinander reden. Höhepunkt der Intensität erreicht ihr Dialog, nachdem Achill sich zum Schein ergeben hat und Penthesilea ihm nun erzählt, was es mit diesem seltsamen Frauenvolk eigenltich auf sich hat. Wie Jens Harzer seiner Partnerin zuhört, aufmerksam, unglaublich, lächelnd ob der Ungeheuerlichkeiten, die er erfährt, ist wundervoll. Und wie hemdsärmelig Sandra Hüller die Geschichte ihres Volkes nach und nach vor dem Mann, den sie liebt, entfaltet, mit leisen Akzenten, fast beiläufig, zieht ungemein in Bann. Simons inszeniert das Stück hauptsächlich als Kampf und als Spiel der Geschlechter, wobei Harzers Achill genauso wie Hüllers Penthesilea androgyne Züge aufweist. Das wird durch die Wahl der stark reduzierten Kostüme noch unterstützt, tragen doch beide anfangs lange schwarze Röcke. Der Schluss des Abends fällt dann merkwürdig ab. Wenn Penthesilea auf die Aufforderung zum Zweikampf, die doch nur zum Schein erfolgt, mit einem Kleistschem Rasen reagiert, glabt man Sandra Hüller diese Emotion weder so recht, wenn sie beinahe emotionslos spricht noch wenn sie brüllt. Dafür dann aber wieder großartig: Ihr vierfaches „so“, mit dem sie den Wortedolch, den sie geschmiedet hat, in ihre Brust rammt! Das geht unter die Haut. Es ist ein Abend, den man mit wachsender Spannung verfolgt, weil Harzer und Hüller mit enormer Präsenz und großem körperlichem Einsatz spielen – und weil beide Schauspieller Kleists ungemein schwierige Sprache immer wieder zum Leuchten bringen.

Salzburg, am 5. August 2018

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