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Livekritik zu

Lohengrin

11.11.2012 - 03.07.2013 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 30.07.2018

Musikalischer Starkstrom, szenischer Stillstand

Richard Wagners „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen

Herrlich, wie dieser neue Bayreuther „Lohengrin“ musiziert wird! Da ist ein Festspielchor, der wunderbar klangschön und homogen singt, da gibt Egils Silins einen profunden, kraftvollen Heerrufer, da ist Georg Zeppenfeld als König Heinrich mit einer beispielhaft klaren Diktion und Intonation, und da sind natürlich Anja Harteros als Elsa und Piotr Beczala als Lohengrin. Klang Anja Harteros in der Premiere stellenweise noch unfrei und belegt, war ihre Stimme jetzt bei der zweiten Vorstellung freier und leichter. Das jugendliche Strahlen, das viele Kritiker vermisst hatten, war wieder beglückend hörbar. Man merkt außerdem, wie gut sie diese Partie kennt und durchdrungen hat. Der eigentliche Star des Abends ist allerdings Piotr Beczala in der Titelpartie. Wie schon in Dresden, so gibt er auch jetzt in Bayreuth einen geradezu idealen Lohengrin. Seine Textverständlichkeit ist vorbildlich, sein edles Timbre passt bestens zur Figur des strahlenden Ritters, den er mit unvergleichlichem italienischem Schmelz singt, gerundet noch in den Höhen, mit leuchtenden Spitzentönen, kraftvoll in der Mittellage. Sein Piano füllt mühelos das Haus, und nie habe ich die Gralserzählung so zart, so innig gehört wie bei ihm. Nicht ganz auf dem Niveau des Heldenpaares sind die beiden Bösewichter Ortrud und Telramund. Ja, Waltraud Meier, die mit dieser Produktion nicht nur vom „Lohengrin“, sondern auch von Bayreuth Abschied nimmt, ist eine klug gestaltende Sängerin, die der Ortrud viel hintergründige Bosheit verleiht. Aber ihr fehlt die Kraft für die großen Ausbrüche im zweiten und dritten Aufzug. Thomasz Konieczny tut sich leider schwer mit der deutschen Sprache. Seine Stimme klingt (vielleicht auch darum) mitunter unangenehm gaumig

Geführt, ja getragen wurde dieses Sänger-Ensemble von Christian Thielemann, der weiß Gott bestens mit dieser Oper und mit der Akustik des Festspielhauses vertraut ist. Routiniert ist sein Dirigat darum in keinem Moment. Im Gegenteil: So lustvoll und frisch, so voller Farben und dynamischen Schattierungen hört man diese Partitur selten oder nie. Da ist enormer Schwung (zum Beispiel im Vorspiel zum 3. Aufzug), düster-dräuende Wucht zwischen Telramund und Ortrud und immer wieder eine wundersame, schwerelose Zartheit, manchmal auch verhangene Traurigkeit. Das großartige Festspielorchester, das zum Schlussapplaus in kurzen Hosen und T-Shirts aus dem verdeckten Graben auf die Bühne kam, wurde zurecht stürmisch gefeiert.

Die Inszenierung von Yuval Sharon stört diesen musikalischen Genuss kaum. Neue Einsichten bietet sie nicht, aber solides, manchmal langweiliges Handwerk. Im Grunde verteilt Sharon die Figuren und Chöre dekorativ auf der blauen Bühne von Neo Rauch und Rosa Loy. Die ist mit ihrer Kulissenmalerei hübsch anzusehen, besonders die Zwischenvorhänge mit Gewitterwolken und Baumgruppen gefallen. Die Strom-Metaphorik, deretwegen immer einmal wieder Umspannhäuschen, Trafos und Strommasten auf der Bühne stehen, bleibt allzu vage und wirkt darum letztlich gesucht. Doch wenn so schön gesungen wird wie hier, nimmt man das (fast) klaglos hin.

Bayreuth, am 29. Juli 2018

Besucherfazit

Großartig musiziert, akzeptabel inszeniert

Bewertung

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Piotr Beczala als Lohengrin (c) Bayreuther Festspiele
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