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Livekritik zu

Belcea Quartet: Das Beethoven-Projekt • Beethoven VI

17.06.2012 | Hamburg [ Mitte ] / Laeiszhalle - Kleiner Saal
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cgohlke
am 09.07.2018

Beethoven-Projekt

Ein Ballett-Abend in Hamburg

Seit über 40 Jahren leitet John Neumeier das Hamburgische Ballett, und es ist ein schöner Brauch, dass die Spielzeiten jeweils im Juli mit den Ballett-Tagen abgeschlossen werden. Besonders interessant sind diese Tage dann, wenn dabei ein neuen Ballett des Hamburgischen Meisterchoreographen uraufgeführt wird.

War es im letzten Jahr „Anna Karenina“, so feierte in diesem Juni Neumeiers 160. Schöpfung ihre Premiere. Das Stück trägt den etwas ungelenken Titel „Beethoven Projekt“. Es ist, anders als die großen Klassiker, die Neumeier geschaffen hat, kein Handlungsballett. Im Zentrum steht „Ein Tänzer als Ludwig van Beethoven“, wie es, wiederum etwas umständlich, im Programmheft heißt. Über ihn wird aber keine Geschichte erzählt. Eher geht es darum, seine Emotionen, seine Ängste, Träume und Sehnsüchte tänzerisch anschaulich werden zu lassen.

Aleix Martinez gibt diesen Beethoven mit nie ermüdender Energie, großartiger Technik und hinreißender Bühnenpräsenz als leidende, sensible, oft verstörte Künstlerpersönlichkeit mit irritierenden Zügen. Dieser Beethoven scheint nicht nur am Verlust seines Gehörsinnes zu leiden, sondern auch an einer Art von Tourette-Syndrom. Die merkwürdigen Zuckungen, die Martinez immer wieder vollführt, lassen ihn genau wie die seltsam schematisch-automatenhaften Bewegungen als einen gequalten, tief gepeinigten Menschen erscheinen. Zunächst windet er sich um das hintere Bein des Flügels, an dem der Pianist Michal Biakl zur Eröffnung sensibel und genau die Eroica-Variationen (op. 35) spielt. Als „Fantasien und Ängste seiner Welt“ treten sodann die Tänzer in Erscheinung, lösen Martinz aus seiner Verkrampfung, beziehen ihn bezaubernd ins raumgreifende Spiel mit ein – bis er sich schließlich doch wieder im Flügel verkriecht und die Variationen vom langsamen Satz aus dem Klaviertrio op. 70 abgelöst werden.

Vielleicht ist es ein Mangel, dass im ersten Teil des Abends gleich mehrere langsame Musikstücke aufeinander folgen, die im Ausdruck ähnlich sind, so dass auch der Ausdruck der Choreographie ein nicht allzu großes Spektrum gewinnt. Wie jedoch Anna Laudere zum 3. Satz aus dem Strichquartett op. 15 als eine Art Trösterfigur erscheint, die dem gequälten Künstler zärtlich den Kopf hält, bleibt in Erinnerung. Zudem sind die Musikstücke thematisch durch das Eroica-Motiv verbunden, das auch in den „Geschöpfen des Prometheus“ zentral ist. Aleix Martinez, den man für seine Energie nicht genug bewundern kann, erscheint nun als Prometheus, der hier wie bei Goethe als Schöpferfigur auftritt und seine Figuren (Madoka Sugai und Borja Bermudez) erst aus unförmig weißen Kostümen schält, um sie dann von Apollo (auch hier mit großer Eleganz: Edvin Revazov) und Terpsichore (feinfühlig und technisch souverän: Anna Laudere) beleben lässt. Das ist mit Witz und Ironie gezeichnet und findet einen krönenden Abschluss in einem wunderschön anzusehenden und choreographisch höchst komplexen Ensembletanz, der hier für die Kunst an sich stehen mag: Ein Kosmos der Ordnung – aber auch der Freiheit, wie aus einem Schiller-Zitat hervorgeht, das am Ende aufscheint. Für ihn, Schiller, gebe es kein „passenderes Bild“ für das „ideal des schönen Umgangs“ als eben ein verwickelt komponiertes Tanzstück.

Zu einem solchen macht Neumeier die „Eroica“, die im zweiten Teil des Abends gespielt und getanzt wird. Er hat sich von Beethovens Musik zu schönen Bildern inspirieren lassen. Zwar ist das Hamburger Ensemble nicht immer so akkurat und technisch perfekt, wie man es von ihm kennt und erwartet. Trotzdem überzeugt auch der zweite Teil des Abends mit seinem Schwung, seiner Anmut und Rafinesse. Auch hier sind es besonders Edvin Revazov und Anna Laudere, die im Adagio assai begeistern. Leider bleibt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Simon Hewett hinter der tänzerischen Qualität zurück. Fehlt es dem ersten Satz an forwärtsdrängender Kraft, so vermisst man im zweiten eine letze Ernsthaftigkeit. Derart beiläufig darf eine „Eroica“ nicht klingen.

So bleibt der Eindruck am Ende des Abends durchwachsen. Einerseits erfreuen die schönen Bilder. Andererseits ist die Zusammenstellung der einzelnen Teile noch nicht zwingend genug. Insofern ließe sich diese Beethoven-Choreographie mit einem Schubert-Titel als eine „Unvollendete“ bezeichnen.

Hamburg, 6. Juli 2018

 

 

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Durchwachsen, aber sehr schön

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