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Livekritik zu

NUREJEW GALA 2016

26.06.2016 | Wien / Wiener Staatsoper
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cgohlke
am 02.07.2018

Die Schönheit der Bewegung

In Wien begeistert die Nurejew-Gala auch 2018 das Publikum

 

Vor einigen Tagen erst wurde bekannt, dass Martin Schläpfer 2020 Düsseldorf verlassen wird, um Direktor des Wiener Staatsballetts zu werden. Eine ebenso überraschende wie fragwürdige Berufung! Denn Schläpfer ist nicht eben dafür bekannt, das klassische Repertoire zu beherrschen, das vom Wiener Ensemble vor allem getanzt und gepflegt wird. Dass Schläpfer, der mit seinen letzten Arbeiten nur wenig überzeugen konnte, der Richtige für gerade diese technisch und stilistisch vorzügliche Compagnie ist, darf bezweifelt werden. Ein wenig ist es, als drücke man jemandem, der gerne E-Gitarre spielt, eine Stradivari in die Hand…

Dass das Wiener Staatsballett sich unter der Leitung von Manuel Legris vorzüglich entwickelt hat, kann in jedem Jahr besonders eindrucksvoll bei der Nurejew-Gala bewundert werden, die seit 2011 die Spielzeit beschließt. Der Namensgeber der Gala, eben Nurejew, wäre heuer 80 geworden, weshalb sein choreographisches Schaffen mit Ausschnitten aus „Raymonda“ und „Schwanensee“ besonders ausführlich gewürdigt wurde. Manuel Legris hat zu diesem Zweck einzelne Szenen unter dem Titel „Nureyev Celebration“ zusammengestellt, die den Tänzern des Staatsballett reiche Möglichkeit bieten, in diesen anspruchsvollen und nicht immer leicht zugänglichen Arbeiten vor allem ihre technische Brillanz zu demonstrieren. Fouettes und Pirouetten, Brisés und wie die klassischen Figuren nun alle heißen, wurden da in Vollendung exerziert, wobei Liudmila Konovalova als Odile und Masayu Kimoto als Siegfried ganz besonders begeisterten.

Aber die Solisten des Hauses konnten sich nicht nur im klassischen Repertoire bewähren. Der Reiz der Gala besteht ja nicht zuletzt darin, eine bunte Mischung unterschiedlicher Stile zu zeigen. Eröffnet wurde die (mit gut vier Stunden vielleicht etwas zu lange) Gala mit der Valse Fantaisie von Balanchine, und wie schon im letzten Jahr beeindruckte auch dieses Mal Jakob Feyferlik mit seinem eleganten, ungezwungen anmutenden Stil an der Seite von Natascha Mair. Und so spannte sich der Bogen von Petipa, Balanchine und Nurejew bis hin zu neuen Kreationen von Eno Penci („Opus 25“) oder Boris Eifman, dessen „Giselle Rouge“ von Ketevan Papava und Eno Peci ausdrucksvoll wurde. Schön war zudem, dass Davide Dato, der sich 2017 während der Gala schlimm verletzt hatte, als genesen mit einem wundervoll lyrisch getanzten Ausschnitt aus „Peer Gynt“ zurückkehren konnte

Natürlich fehlten internationale Gäste auch in diesem Jahr nicht. Olga Smirnova und Semyon Chudin vom Bolschoi-Theater glänzten mit einem Ausschnitt aus Jean-Christophe Maillots „The taming of the shrew“ nicht nur technisch, sondern auch darstellerisch, indem sie die innigen, neckischen und auch witzigen Momente zwischen den beiden Liebenden anmutig zeigten. Ein moderner Kontrapunkt dazu boten die beiden Gäste aus Hamburg, Alexandre Riabko und Ivan Urban mit John Neumeiers „Opus 100“, das eine Hommage an die männliche Freundschaft darstellt und von den beiden Tänzern so elegant wie anrührend dargeboten wurde. An Neumeier war auch im mittleren Teil des Abends zu denken. Er war Frederick Ashtons „Marguerite and Armand“ gewidmet. Und obwohl Marianela Nunez und Vadim Muntagirov, beide vom Royal Ballet in London, die Hauptrollen mit beeindruckender Souveränität und großer Intensität tanzten, war doch unverkennbar, wie weit Ashtons Fassung des Romanstoffes hinter Neumeiers „Kamaliendame“ hinsichtlich seelischer Tiefe und differenzierter Charaktergestaltung zurückbleibt.

Der Jubel war am Ende des Abends groß. Er galt nicht nur den Tänzern, sondern auch dem wunderbar flexiblen Orchester der Staatsoper, das mit Verve und Feinsinn von Kevin Rhodes geleitet wurde, und den großartigen Pianisten, von denen Shino Takizawa für eine kraftvolle Interpretation von Listzs 2. Klavierkonzert besonders zu danken ist. Der Beifall galt schließlich aber auch Manuel Legris, dem verdienten Direktor des Balletts. Er wurde von Dominique Meyer, dem Intendanten der Staatsoper, mit einer Rede gewürdigt und schließlich zum Ehrenmitglied des Hauses ernannt. Im nächsten Jahr werden beide, Meyer und Legris, noch in Wien tätig sein, bevor Martin Schläpfer und Bogdan Roscic ihre Ämter 2020 übernehmen. Ein Höhepunkt der kommenden und also letzten Saison wird Manuel Legris‘ Choreographie von „Sylvia“ sein, die am 10. November Premiere feiern wird.

Wien, am 29. Juni 2018

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Ensemble des Wiener Staatsballetts (c) Ashley Taylor
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