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Livekritik zu

Die Perlen der Cleopatra

03.12.2016 - 12.07.2017 | Berlin / Komische Oper Berlin
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august14979
am 23.03.2018

Barrie Kosky, der Meister im Entdecken profaner Beispiele untergegangener Operettenkunst, hat wieder zugeschlagen. Wer würde sich sonst noch an Oscar Straus erinnern – und an seine 1923 uraufgeführte Klamotte „Die Perlen der Cleopatra“? Bei näherer Betrachtung wird klar, warum dieses Stück Musik in Vergessenheit geraten ist. Die Dialoge sind profan, die Kompositionen altbacken und das Liedgut ist sehr schlicht zusammengereimt (Cleopatra auf trallalla!). Eigentlich kein Grund, das Stück aus dem musikgeschichtlichen Schnürboden auf die Bühnenbretter zu hieven. Aber das hat den Intendanten der Komischen Oper noch nie abgeschreckt.

Aus dem schlichten Gewächs untergegangener Operettenkultur hat er ein wildes Spektakel gezaubert und für aufgefrischte und zeitaktuelle Dialoge gesorgt. Zu Beginn singt das Ensemble noch vom ersten Rang  und wirft künstliche Blütenblätter ins Publikum. Die Figuren der schlichten Handlung wurden publikumswirksam aufgemöbelt. So erklingt eben immer ein vernehmliches „Pling“ vom Triangel in dem Moment, in dem Johannes Dunz alias Prinz Beladonis von Persien (der mit der zauberhaften Flöte!) sein langes Blondhaar hinter sich wirft. Stefan Sevenich übernimmt die Rolle des Ministers Pampylos, der seiner Königin klar machen muss, dass es im Reich an allen Ecken glimmt: das Wasser des Nil geht zurück, die Römer stehen vor Alexandria und eine Verschwörung in den eigenen Reihen droht, ihr den Thron streitig zu machen. „Viva la revolucion!“ ertönt es aus dem Munde eines ägyptischen Hilfs-Che Guevara. Aber eine wahre Königin weiß den Gefahren zu begegnen. Und Dagmar Manzel ist eine wahre Königin. Eine, die stark berlinert und bauchrednerische Zwiegespräche mit ihrer Hauskatze Ingeborg führt, die sie als Handpuppe permanent am Arm trägt. Knallbunte Kostüme, wilde Tänze und ein atemberaubendes Tempo der Inszenierung machen die Schwächen des Sujets mehr als wett. Die Rolle der Cleopatra ist für die Manzel wie gemacht. Man kann sich kaum jemand anderes als ägyptische Egomanin vorstellen. Bevor sie ihre Liebhaber über die Bettkante zieht, wird sie, um deren Manneskraft zu stärken, eine ihrer Perlen in einem Glas Wein auflösen. Klappt immer. Außer beim Römer Marcus Antonius, der von Ihr mit den Worten „Willste ’n Bier?“ begrüßt wird. Und dann: „Jetzt hamse den janzen Wein wegjeräumt. Na, ja, denn lösen wa die Perle eben in Bier uff. Wird ja ooch jehn!“

So kalauert sich das Ensemble leicht und locker durch den Abend, der dem Zuschauer knapp drei Stunden Amüsement ohne einen Moment Langeweile verheißt. Alle sind mit großer Spielfreude dabei, und auch das Orchester der Komischen Oper macht das Beste aus der Straus’schen Partitur. Der Schlussapplaus ist gewaltig. Kosky hat es wieder geschafft und einen neuen Publikumsmagneten im Spielplan platziert.

Besucherfazit

Ausstattungsorgie mit Angriff auf die Lachmuskeln

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