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Livekritik zu

Goldberg-Variationen / Gods and Dogs

30.05.2012 - 05.06.2014 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 10.06.2014

Goldberg-Variationen und Gods and Dogs

am Bayerischen Staatsballett in München

Die Ballett-Woche des Bayerischen Staatsballets wurde 2012 mit einem Abend eröffnet, der zwei Choreographien miteinander verbindet, die ganz unterschiedlich sind, sich aber dennoch auf merkwürdige Weise gut ergänzen.

Die „Goldberg-Variationen“ hat Jerome Robbins 1971 für das New York City Ballet kreiert, und es war eine große Überraschung, dass es Ivan Liska, dem Chef des Bayerischen Staatsballetts, gelang, diese Choreographie an sein Haus übernehmen zu dürfen. Robbins hat zu Bachs Variatonen eine wunderbar stimmige Tanzsprache entwickelt, die keineswegs in Ehrfurcht vor der großen strengen Komposition des barocken Meisters erstarrt, sondern im Gegenteil frei, manchmal sogar augenzwickernd und gewitzt mit ihr umgeht. Dabei sind die klaren Formen der Musik schon auch im Tanz zu sehen, und gar nicht selten hilft einem die Anschauung dabei, Bachs komplexe Musik ein klein wenig besser zu verstehen. Aber keine Angst! Man muss kein Goldberg-Experte sein, um Robbins‘ Choreographie schätzen und mögen zu können. Man kann sich ganz der Schönheit des Tanzes hingeben. Zu jeder Variation hat Robbins ein kleines Kabinett-Stück geschaffen, so dass sich Perle an Perle reiht. Freilich könnte man eine solche Abfolge nicht genießen, wäre sie nicht erstklassig getanzt. Das Bayerische Staatsballett meistert die großen technischen Herausforderungen souverän und überzeugt nicht nur in den intimeren Momenten, sondern auch als glänzend aufeinander abgestimmte Gruppe. Lang anhaltenden Beifall spendete das Publikum aber nicht nur den hervorragenden Tänzern, sondern auch Elena Mednik, der eine luzide Wiedergabe des Bachschen Variatonenwerks zu danken war.

Ganz andere Töne gab’s nach der Pause zu hören. Der Kontrast zu den festlichen Klängen und Bildern der Goldberg-Variationen könnte zunächst kaum größer sein. Nur eine flackernde Kerze an der Rampe erhellt die schwarze Bühne ein klein wenig, und harte Schläge, elektronische Klänge sind zu hören zu Beginn von Jirí Kyliáns 2008 für das Nederlands Dans Theater II geschaffenem Werk „Gods and Dogs“. Die ungefährt halbstündige Choreograpie ist höchst suggestiv und zieht sofort in ihren Bann. Aber es ist schwer zu beschreiben, was ihre Faszination nun eigentlich ausmacht. Da ist zum einen die raffinierte Beleuchtung (Kees Tjebbes), die vor allem dann ihre besondere Wirkung entfaltet, wenn im Hintergrund der aus goldenen Schnüren bestehende Vorhang in ein gleichmäßig-sachtes Schwingen gerät. Da ist aber auch die Musik (Dirk Haubrich). Die Elektro-Klänge werden nämlich abgelöst von den beiden ersten Sätzen von Beethovens Streichquartett op 18, Nr. 1, wobei die melodiöse Schönheit immer wieder von harten Schlägen konterkariert, fast zerrissen wird. Auch die Choreographie gestaltet sich zu Beethovens Musik, die ja wahrlich expressiv genug ist, keineswegs geschmeidiger, runder, fließender. Vielmehr sind es, bei gelegentlich mimisch angedeuteten Schreien, schmerzliche Gesten, krampfhaft zitternde Hände und wilde, exaltierte Bewegungen am Rande des Wahnsinns, ein Ankämpfen vielleicht gegen etwas Unentrinnbares. Die acht Tänzer des Staatsballets (Emma Barrowman, Nikita Korotkov, Staphanie Hancox, Dustin Klein, Mai Kono, Ilia Sarkisov, Zuzana Zahradníková und Lukás Slavický) gestalten das mit größter Hingabe und vorbehaltlosem Einsatz. Dies alles zusammen, Tanz, Musik und Licht, macht einen tiefen Eindruck, den man so bald nicht vergisst.

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