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Livekritik zu

MAMAN UND ICH

27.10.2016 - 28.10.2016 | Berlin [ Schöneberg ] / Theater O-TonArt
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Zelli
von Zelli
am 01.11.2016

Der französische Schauspieler Guillaume Gallienne, heute in Hauptrollen vieler Filme zu sehen ( z.B. ab 6.10. in "Meine Zeit mit Cezanne") entwickelte 2008 einen sehr persönlichen Theaterabend, den er nach einem Bonmot seiner Mutter "Die Jungs, und Guillaume, zu Tisch!" nannte und sehr erfolgreich in Paris spielte. 2010 gewann er hierfür sogar den französischen Theaterpreis MOLIÈRE. Kein Wunder, daß 2013 eine Verfilmung ( mit ihm selber in einer Doppelrolle) folgte, die nicht nur 2,8 Millionen Zuschauer in die französischen Kinos lockte, sondern auch gleich noch die fünf Hauptpreise bei den CÉSARS abräumte. In Deutschland kam dieser Film unter dem Titel "MAMAN UND ICH" in die Kinos, allerdings im Sommer, weswegen er in ein paar Open air-Kinos lief und ansonsten relativ schnell wieder aus den Kinos verschwand.

Im Stück wie auch im Film geht es um den kleinen Guillaume, dritter Sohn einer wohlhabenden Familie, der seine Mama abgöttisch liebt und glaubt, möglicherweise einem entscheidenden Herstellungsfehler zu unterliegen und eigentlich ein Mädchen, aber im falschen Körper zu sein. Selbst seine Flamenco- Partnerin im Spanien-Sprachurlaub hält ihn dafür. Schließlich schaffen die Eltern ihn in ein Internat, wo er es so richtig abkriegt. Als er in die Pubertät kommt, halten ihn natürlich alle für schwul -- nur er selber nicht, und das, obwohl er sich in einen Klassenkameraden verguckt.

Aber nach seinen Erlebnissen bei der Musterung, in der Kur in Bayern und ersten dramatischen Männer-Versuchen platzt bei ihn schließlich der Knoten und er erlebt sein wahres Coming out, eins der etwas anderen Art als von allen erwartet allerdings...

André Fischer hat das große Glück, der erste zu sein, der diesen wundervollen Theaterabend weltweit nachspielen darf. Sein Regisseur Alexander Katt hatte den Mut besessen, den Autor/Schauspieler in Paris anzuschreiben und um die Erlaubnis der deutschsprachigen Erstaufführung zu bitten. Und der Mut wurde belohnt.

Mithilfe einer Crowdfundiong-Kampagne und ein paar dezentralen Fördermitteln (Bezirk Tempelhof- Schöneberg) konnten die Tantiemen vorgestreckt und die Beteiligten der Produktion mit ein bißchen Unkostenerstattung versehen werden. Denn das Theater O-TonArt, in einem Schöneberger Hinterhof Nähe Kleistpark gelegen, selber ohne Förderung und seit nunmehr 7 Jahren von einem ehrenamtlichen Team betrieben, kann keine Produktionen finanzieren.

Und so kommt André Fischer im Gallienne- Look mit Kräuselfrisur auf die Bühne, richtet sich bühnenmäßig ein und schlüpft im Laufe des Abends in insgesamt 32 Rollen, wie man bei der Premiere hinterher erklärte. Nicht nur in die Rolle des Jungen, sondern auch in die seiner genervten Mutter, der liebevollen, aber verwirrten russischen Oma, dem strengen Vater und noch mehr als anderen 25 Figuren, denen das häßliche männliche Entlein in den nächsten 2 Stunden ( mit Pause) begegnet und die er jeweils mit einer kleinen Geste, einer Veränderung der Körperhaltung oder der Stimme überzeugend zu skizzieren vermag.

Da gibt es viel zu schmunzeln, zu staunen, mitzuleiden und immer wieder auch lauthals zu lachen. Sowohl in den komischen wie auch in den emotional aufwühlenden Momenten vermag André Fischer zu überzeugen, sodaß er am Ende, nach der Schlußpointe (die hier nicht verraten werden soll), völlig verdient fetten Applaus und Bravos abräumt.

Warum sich die deutschen Staatsbühnen diesen Theater- Erfolg aus Frankreich nicht gesichert haben, bleibt ein Rätsel. Vermeintlich transsexuelle kleine Jungs sind wohl nicht gerade der Stoff, aus dem dicke Spielplan- Broschüren rennomierter Intendanten und Chefdramaturgen sind. Was für ein Glück! Denn so kann das Theater O-TonArt exklusiv mit einem brillianten Bühnenereignis punkten, für den sich die Anreise aus dem gesamten deutschsprachigen Raum lohnt. Es ist zu wünschen und zu hoffen, daß sich dieser Abend zum Kult entwickelt. Hingehen! Ganz besonders, wenn man heterosexuell ist ... ;-)

 

 

 

 

Besucherfazit

Bravouröses Solo - Tränen gelacht und auch ein paar Tränchen verdrückt....

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Medien von Zelli

Titel: 
MAMAN UND ICH
Ort: 
Theater O-TonArt
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Zeitraum: 
30.9.2016 -1.10.2016

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