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Livekritik zu

Le nozze di Figaro

16.03.2014 - 06.04.2014 | Berlin [ Charlottenburg ] / Staatsoper im Schiller Theater
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Till Führer
am 27.03.2014

Es gibt in der Opernwelt wenige, die so einen wunderbaren Schmollmund ziehen können wie Anna Prohaska. Die junge Wahl-Berlinerin zeigt als Susanna in Le Nozze de Figaro ihre ganze Spielfreude: frech und leichtfüßig spielt sie die Figaros Verlobte trotz großem Ernst und Konzentration beim Gesang. Die Bühne, das ist ihre natürliche Umgebung. Ob man den bisweilen etwas selbstbewussten Gestus von Prohaska sympathisch findet oder nicht, eine lebendige Bühnenpräsenz wird man ihr nicht absprechen können.

Prohaskas Spiel ist in diesem Punkt stellvertretend für die Inszenierung von Thomas Langhoff, die in dieser Woche ihre 80. Aufführung erleben wird. Mozarts Hochzeit des Figaro ist eine Opera buffa - vielleicht aus heutiger Sicht etwas angestaubt mit konservativen Rollenbildern und Klassenunterschieden - bei der das Spielerische im Vordergrund steht. Es wird gesungen und gescherzt, das durchweg gute Ensemble hat sichtlich Spaß an der Sache und zelebriert die Geschichte um Liebe, Intrigen und einen lüsternden Grafen. Freilich ohne jemals in Klamauk abzudriften.

Lebendig gezeichnete Figuren

Alle Gesangsparts sind sehr konzentriert vorgetragen und von guter Qualität. Doch – und das zeichnet den Abend aus – wohl dosierte, komische Gesten und neckische Mimik zeigen die Freude am Spiel. Das lässt die Oper lebendig werden. Keine abstrakten Figurenschablonen, sondern echte Menschen, die sympathisch rüberkommen, stehen auf der Bühne im Schiller Theater. Dass diese Menschen, wie in der Oper üblich, nun mal singen, nimmt man so schnell als Normalität wahr, dass der Heimweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Prüfstein für die eigene Wahrnehmung wird: Warum singt hier eigentlich niemand mehr und schon gar nicht auf italienisch?

Hochkarätiges und sympathisches Ensemble

Das gesamte Ensemble spielt und singt auf diesem hohen Niveau. Kyle Ketelsen überzeugt als Figaro mit warmem Timbre. Anna Bonitatibus in der Hosenrolle des jungen Frauenfängers Cherubino spielt herrlich komisch und verblüfft kontrastreich mit wunderschöner Stimme. Selbst die eher kleine Rolle der Barbarina, gesungen von Sónia Grané, überzeugt durch zarte und doch durchdringende Töne. Und natürlich Dorothea Röschmann als Gräfin. Auch sie spielt leidenschaftlich und geht dabei aufs Ganze. Schwer, vielleicht etwas zu schwer, atmend singt sie ihre Arien voller Begeisterung und in allen Lagen ergreifend. Die Dove Sono Arie ist überaus eindrucksvoll und kräftig, bei der Sull’aria im Duett mit Prohaska schmilzt der Saal dahin.

Die beiden finalen Ensemblegesänge, jeweils am Ende des zweiten und vierten Aktes, vereinen alle Akteure in perfekter Harmonie und beeindrucken mit der gesanglich vielleicht hochkarätigsten Hochzeitsgesellschaft der Geschichte.

Das Dirigat von Christopher Moulds steht den Sängerinnen und Sängern in nichts nach, er dirigiert enthusiastisch – tatsächlich "singt" er durchgehend lautlos das gesamte Libretto mit – und direkt eine fehlerfreie Staatskapelle. Auch hier herrscht Vitalität ohne platten Aktionismus.

Bühnenbild

Ein Manko der Inszenierung allerdings tritt vor diesen Ausführungen deutlich zu Tage. Das Bühnenbild von Herbert Kapplmüller bleibt hinter der Spielfreude des Ensembles leider weit zurück. Die herbstlichen Brauntöne der Bühne erinnern an eher an einen rostigen Industriekomplex, Hochzeitsstimmung will hier keine aufkommen. Ein kleiner Wehrmutstropfen an diesem sonst wunderbaren Abend.

Fazit

Die Opera buffa macht ihrem Namen alle Ehre, auch wenn keine tiefergehende, kritische Auseinandersetzung mit den alten, höfischen Ritualen und Inhalten stattfindet, überzeugt und berührt die Inszenierung den Besucher gleichermaßen. Das lebendige Spiel des Ensembles macht den Abend zu einem wunderbaren Ereignis. Der Spagat zwischen großem Gesang und sympathischem Spiel gelingt mühelos.

Besucherfazit

Sympathischer Opernabend mit einem spielfreudigen Ensemble

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