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Livekritik zu

Warten auf Godot

05.09.2014 - 12.05.2015 | Berlin [ Mitte ] / Deutsches Theater Berlin
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Till Führer
am 01.10.2014

Becketts „Warten auf Godot“ ist ein Gemeinplatz geworden, ein geflügeltes Wort. Die Leerstelle des niemals ankommenden Godots wurde Symbol für die Unmöglichkeit der Erlösung, für Absurdität und existenzialistische Einsamkeit. Es scheint fast, als ob man kein Wort mehr verlieren müsste über das Stück, über das ständige Warten, die trübe Hoffnung trotz offenkundiger Aussichtslosigkeit, die Todessehnsucht von Estragon und Wladimirs Klammern an Godots Kommen, die Herr-Knecht Beziehung von Pozzo und Lucky. Alles erforscht und bekannt.

Eine Hommage an den bei den Vorarbeiten verstorbenen Dimiter Gotscheff sollte es sein im Deutschen Theater. Eine Inszenierung eng an Becketts Vorlage. Beide Gegebenheiten, die Symbolkraft des Stückes und die Nähe zur Textfassung, machen es nicht einfach, darüber zu sprechen. Ersteres erschlägt einen mit Kraft der Metaphern, beim zweiten ist es die schiere Textlast bei vollkommen reduzierter Handlung. Doch die eigentliche Gewalt des Stückes offenbart sich im Spiel selbst. Es hat nichts von seiner Strahlkraft verloren und ist 61 Jahre nach der Uraufführung einen Besuch absolut wert.

Wladimir (Samuel Finzi) und Estragon (Wolfram Koch) spielen sich herrlich gekonnt die Bälle zu, ob in Form von Worten oder imaginären Sportgeräten, als absurden Zeitvertreib gegen das Warten in einer längst aus den Fugen geratenen Welt. Entwicklung gibt es nicht, geschweige den Fortschritt. Die Zeit selbst scheint in einer ewigen, verstörenden Wiederholung stillzustehen. Der zweite Akt ist ein alptraumhafter Wiedergänger des ersten. Und während Estragon sich längst am Baum aufhängen will, versucht Wladimir mal verzweifelt, mal lakonisch, die Welt um sich herum mit Begriffen, die ins Leere laufen, zu strukturieren. Ausdauernd klammert man sich an die Formel: "Wir warten auf Godot. - Achja."

Pozzo (Christian Grashof) und Lucky (Andreas Döhler) hingegen geben sich in ihrer qualvollen Herr-Knecht Beziehung eine ganz eigene, zirkuläre Daseinsberechtigung, wirken aber nicht von ungefähr manchmal wie Fremdkörper. Die beinahe kongeniale Eingespieltheit von Finzi und Koch erreichen Grashof und Döhler leider nicht.

Die Inszenierung lässt den Text sprechen und wirken ohne viel Ablenkung. In der schrägen Bühne klafft ein großer Krater, der Baum ist eine dürre Stange und die Rüben sind auch nur Imagination. Eine gut dosierte Prise Klamauk, um den Spieltrieb der Protagonisten zu unterstreichen und das ganze nicht zu langatmig werden zu lassen, gehört dazu. Wenn im zweiten Akt das eigene Zeitgefühl verschwimmt, ist man endlich ankommen, im Herzen der Clownerie, die wir Realität nennen, in Absurdistan.

Becketts Meisterwerk bewegt durch seine (doppelte) Zeitlosigkeit. Kühl - und man möchte was sagen real - inszeniert, fordert es das eigene Verständnis von Zeit und Sinn heraus. Alle Interpretationsversuche, meine eigenen natürlich und an erster Stelle eingeschlossen, machen schamlos eine falsche Hoffnung auf Erlösung. Diese aber kann nichts und niemand bieten. Erlösung von diesem schrecklichen Geschreibsel aber, von Symbolen, Metaphern und formalhafter Hermeneutik, die ist durchaus möglich: Durch den dringend empfohlenen Gang ins Deutsche Theater.

www.buchstabe27.de/theaterkritik-warten-auf-godot/

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Nicht lange Warten...

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