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Livekritik zu

Die Frau vom Meer

26.11.2014 - 21.05.2015 | Berlin [ Mitte ] / Deutsches Theater Berlin
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Stefan Bock
am 01.12.2014

Stephan Kimming inszeniert am Deutschen Theater Ibsens "Frau vom Meer" als halbgare Beziehungssuppe im Halbdunkel.

„Selbstbewusst und manchmal ein bisschen zu kulturpolitisch“ sei die Kritik in Berlin, gab erst letzte Woche der Schauspieler Ulrich Matthes dem Tagesspiegel zu Protokoll. In der Mehrzahl finde er sie aber okay. Intendant Khuon schiebt dagegen die Breitseiten der Presse vor allem auf die hohe Erwartungshaltung der Kritiker bei der Vielzahl der Theatererfahrungen im „Feinschmeckerparadies“ Berlin. Wörtlich: „Wenn ich jeden zweiten Abend ein Spitzenrestaurant beurteilen soll, ist das natürlich anstrengend.“ Das hieße, die Kritikerschar der Hauptstadt wäre nahezu übersättigt an der gebotenen Haute cuisine. Dabei fühlen sich, und nicht nur aus der Sicht der beiden Tagesspiegel-Feuilletonisten, doch einige Aufführungen eher wie Kantine an.

Und ja, es fehlt, abgesehen von der außerordentlichen Leistung des Ensembles um die Inszenierung von Beckets Warten auf Godot, mal wieder ein ganz besonderer Leckerbissen auf der Traditionsbühne an der Schuhmannstraße. Eine besondere Tradition hat hier vor allem die Pflege des naturalistischen Theatererbes. Da wäre neben dem deutschen Vertreter des realistischen Gesellschaftsdramas Gerhart Hauptmann allen voran natürlich der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen zu nennen. Dessen große Femme fatale Hedda Gabler hatte in der vorletzten Spielzeit bereits Stefan Pucher mit Nina Hoss in der Hauptrolle ironisch im Breitwandformat abgefrühstückt.

*

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt und das nun auch in der neuen Inszenierung von Theaterkoch Stephan Kimmig. Allerdings erst am Ende einer zweistündigen in der Tat recht halbgaren und konzeptlosen Aufführung von Ibsens symbolistisch aufgeladener Frau vom Meer. Kimmig hat die Hauptrolle der Ellida Wangel mit Susanne Wolff besetzt. Die äußerst dynamische und kraftvolle Schauspielerin hat immer wieder in Inszenierungen des Regisseurs brilliert. Neben ihr, auch nicht zum ersten Mal bei Kimmig, Steven Scharf von den Münchner Kammerspielen als Doktor Wangel. Der Schauspieler wird in der nächsten Spielzeit ganz ins Ensemble des DT wechseln. Mit Sicherheit eine weitere Bereicherung, nicht nur in der Breite.

Möchte Hedda Gabler gern selbstbewusst Schicksal spielen, glaubt Ellida Wangel, die „Frau vom Meer“, wie sie genannt wird, an das Wirken schicksalhafter Kräfte. Die Tochter eines Leuchtturmwärters fühlt sich zum Urelement Wasser in Form des wilden Meeres hingezogen. Einst liebte sie einen finnischen Seemann, der sie mit zusammengeketteten Ringen, die er ins Wasser warf, an sich und das Meer binden wollte. Wegen eines Mordes musste der Seemann fliehen, und Ellida bricht das Versprechen, indem sie den verwitweten Lungenarzt Dr. Wangel ehelicht und mit ihm in einen Badeort ans Ende eines Fjords zieht. Die Ehe ist von Anfang an belastet. Wangel suchte nur den Ersatz für seine verstorbene Frau und auch die Töchter Bolette und Hilde können den Tod der Mutter nicht verwinden. Bei Kimmig führen sie regelrechte Séancen bei Kerzenschein auf. Ellida kann ihren Seemann nicht vergessen, von dem sie ein Kind bekam, das kurz nach der Geburt starb. Seitdem ist die Ehe mit Wangel nicht mehr vollzogen worden und der Doktor mit seinem Latein am Ende.

Stephan Kimmig lässt die vertrackte Beziehungskiste auf offener Bühne und in einem drehbaren Bungalow mit Glasfront spielen. Es ist die meiste Zeit recht dunkel und vor allem sehr geheimnisvoll. Dazu dräut sphärische Popmusik, die nur ab und zu durch ein paar Technobeats der jungen Leute übertönt wird, die sich ausgiebig dem Tanzen widmen, sonst jede Menge Neurosen pflegen und bereits beginnen, sich mit den nötigen Lebenslügen selbst zu versorgen. Die ältere Tochter Bolette (Franziska Machens) will raus aus der Enge, dazu fehlt es allerdings an Geld und dem notwendigen Sponsor. Der verträumte, lungenkranke Maler Lyngstrand (Benjamin Lillie) ist da nur eine kurze Episode, weil er wegen seines „Knacks“ in der Brust eh bald verreckt, wie die junge, wilde Hilde (Lisa Hrdina) spitz bemerkt. Ebenfalls ohne finanzielle Zukunft ist der Möchtegern-Bildhauer Ballested (Timo Weisschnur), und muss daher den Tanzlehrer und sprachbegabten Conférencier der Mädchen mimen.

Das Stück atmet ordentlich alten Gesellschaftsmief, dem Ibsen nur die nach Freiheit ringende, allerdings stets am Rande des Schwermuts treibende Ellida gegenüber stellt. Jedoch auch sie bleibt in ihrer Schicksalsgläubigkeit verhaftet, den Ausbruch erst wagend, als der Seemann plötzlich, wie in Lyngstrands Schauergeschichte vom Orkan prophezeit, wieder erscheint. Das wird der höchst nervösen Frau allerdings als reichlich krank ausgelegt. Die Psychomacke scheint hier aber generell jeden befallen zu haben. Es herrscht eine stets gereizte Stimmung, die sich immer wieder in Verbal-Attacken und Aggressionen und Körperclownerien steigert. Psychopharmaka fänden hier reißenden Absatz. Allerdings bekommt die nur Ellida von ihrem Mann verabreicht. Dazu erschreckt Wangel sie höchst persönlich als fremder Seebär, indem er sich einfach eine Wollmütze überstülpt. Ein Geist, eine Ausgeburt der kranken Phantasie? Was auch immer dieser Besetzungscoup bedeuten soll.

Der vom Doktor herbeigeholte alte Hauslehrer der Mädchen Arnholm (Michael Goldmann) ist auch keine große Hilfe, da er selbst ziemlich angenervt sein Heil im Liebeskauf der verzweifelten Bolette sucht und auch prompt findet. Der Frau vom Meer bleibt da nur die Flucht in den gebückten Möwenschrei. Stephan Kimmig scheint zu all dem selbst kein richtiges Verhältnis gefunden zu haben und flüchtet sich in Andeutungen. Es will so recht nicht einleuchten, dass nach dieser halbgaren Mystery-Soap plötzlich das reinigende Gespräch zu Tisch erfolgt. Der Casus Knaxsus dabei ist, dass Ibsen die Läuterung seiner Protagonistin vorsieht, die, nachdem sie vom Doktor doch noch die Freiheit erhält, sich nun selbst in Rührung frei für ihn entscheidet. Das geht heute nach der Vorgeschichte aus feministischer Sicht so nicht mehr als glaubwürdig durch. Kimmig streicht daher den Schmuseschluss und lässt seine Ellida einfach abgehen. Zurück bleibt ein Suppe löffelnder von Liebe stammelnder Doktor Wangel.

Zu der Idee muss man tatsächlich das Programmheft lesen, um es halbwegs zu kapieren, warum die da oben den halben Abend lang psychologisch animierte Körpergymnastik aufführen und nach zwei Stunden Tappen im Halbdunkel, einem Teller Suppe und zwei Glas Rotwein das Licht ganz ausgedreht wird. Es erschließt sich nicht, warum die Figuren handeln, wie sie handeln und der Waschlappen Wangel nach der Suppe der Erkenntnis das Handtuch wirft. Um es mit dem alten Fontane zu sagen: “Es geht, aber es geht mir zu flink.” Womit nicht das sich schier endlos ziehende, aggressiv fahrige Vorspiel zum Trennungssouper gemeint ist. Dass das alles noch halbwegs genießbar ist, liegt sicher an den beiden Hauptdarstellern. Chefkoch Stephan Kimmig hat dazu nicht allzu viel beigetragen.

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Zuerst erschienen am 29.11.2014 auf Kultura-Extra.

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halbgare Beziehungssuppe im Halbdunkel

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