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Livekritik zu

Elektra

22.11.2013 - 23.10.2014 | Berlin [ Mitte ] / Deutsches Theater Berlin
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Stefan Bock
am 12.12.2013

Elektra, oder Rache als Event - Stefan Pucher lässt am Deutschen Theater die Tragödie des Sophokles singen.

 

Ich bin der Engel der Verzweiflung...
Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei.
Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken.
Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt.
Ich bin der sein wird.
Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.

(Heiner Müller, aus: Der Auftrag)

*

So ein Engel der Verzweiflung könnte die Elektra der Katharina Marie Schubert am DT sein. Ganz in schwarz und mit fettem Kajal um die Augenhöhlen beklagt sie die Toten und klagt die Lebenden dafür an. Ein schwarzer Racheengel, Erinnye von Apolls Gnaden. Denn ihr Auftrag heißt nun mal einzig Rache zu nehmen. Für den Mord am aus Troja zurückgekehrten Vater Agamemnon soll die mit dem Mörder Aigisthos in Blutschande lebende Mutter Klytaimnestra ebenfalls mit dem Leben büßen. Was Sophokles einst als antikes Drama über Schicksal, Schuld und der Unmöglichkeit, sich anders entscheiden zu können schrieb, reduziert Regisseur Stefan Pucher auf einen reinen Krimiplot mit passenden Videotrailern und Soundtrack. Schuldfrage XY ungeklärt.

Aber Elektra wirkt hier im schwarzen Nadelstreifenanzug als Mann verkleidet, wie eine verhinderte Comic-Heldin. Anstatt selbst wie Black Mamba aus Tarantinos Kill Bill zur Tat zu schreiten, ist sie auf die Rückkehr des Vollstreckers angewiesen ist. Aus ihr kann keine emanzipierte Emma Peel mehr werden. Für Heiner Müller liegt die Tragik der Elektra dann auch im Warten müssen auf den Bruder, als Werkzeug der Rache. Müller deutet die Elektra als Sinnbild weiblicher Rebellion, als „Metapher für Verweigerung, für Verweigerung von Anpassung“. Darin sind sich auch die Figuren Hamlet und Elektra ähnlich. Aber während Hamlets anfängliches Zögern vor dem väterlichen Mordauftrag noch intellektueller Natur ist, stützt sich Elektras unbedingter Wille zur Rache auf ein göttliches Gebot, das keinen Aufschub duldet.

Pucher bringt Sophokles Plot komplett, hier in neuer Übersetzung von Peter Krumme. Er interessiert den Regisseur aber einzig als Aufhänger für eine Rock’n’Pop-Show auf großer Revuebühne. Und da scheinbar schon alles über Elektra gesagt ist, lässt Pucher nun singen. Das Drama findet nicht mehr statt, wie Müller sagen würde. Auf den Brettern die die Welt bedeuten reproduziert es sich nun als Allerweltsgeschichte aus dem TV-Vorabendprogramm. Untermalt mit eingängigen Rock- und Popballaden von den Musikern Michael Mühlhaus und Masha Qrella. Elektra schiebt den Blues, und der Chor swingt dazu mit den Hüften. Sie greint und wartet auf den Mann mit der Axt. Susanne Wolff als Mutter Klytaimnestra dominiert im kurzen, schrillen Soloaufritt. Schwester Chrysothemis (Tabea Bettin) fürchtet um ihre soziale Stellung und möchte sich lieber nicht zu Elektra ins Abseits stellen. Während Bruder Orest wie ein abgehalfterter Grungerocker völlig paralysiert vom Rachegebot über die Bühne schlurft. Er und sein Begleiter sind fette, schlaffe, langhaarige Männer im Rock.

Pucher will den ollen schwarz-weißen Kintopp-Streifen des Sophokles rocken und poppt ihn zusätzlich mit bunten Video-Bildern von Chris Kondek in Breitwandästhetik auf. Der von Michael Schweighöfer reißerisch vorgetragene Bericht des alten Dieners über den angeblichen Wagenrennen-Unfall des Orest wird mit Videos von ebenso gefakten Stock-Car-Rennen untermalt. Im Stile eines Bondgirls schwebt eine dunkle weibliche Gestalt auf einer Axt durchs Bild. Nur ist Orest kein James Bond und Aigisthos kein wirklicher Dr. No. Andreas Döhler spielt ihn als gelangweilten Anzugträger, der, sich seiner Macht ganz sicher, eher erstaunt dem jungen Orest zur Abschlachtung ins Haus folgt. Helter Scalter! Aber auch die Nacht der langen Messer bleibt Behauptung. Felix Goesers Orest schlägt im Video mit der Axt auf Pappmacheköpfe ein. Alles nur Show. And The Show Must Go On will uns Stefan Pucher sagen.

Drei Akkorde Aschenputtel, zwei Takte Rockpalast, ein Schuss Denver Clan und fertig ist Puchers neuer Atriden-Cocktail namens Elektravue. Eine aufgeblasene Soap Opera zerplatzt auf Sitcom-Niveau. Elektra erscheint dann nach getaner Arbeit ebenfalls im Showkostüm und reiht sich in den Chor der Angepassten ein. Mit dem Massenmörder Charles Manon singt man nun gemeinsam „Your home is where you're happy / It's not where you're not free”. Was wie ein ironischer Abgesang auf die einstige Rebellion und ein selbstbestimmtes Leben klingen soll, ist hier nichts weiter als Just Another Popsong. Wenn man ein Stück als altbacken und überkommen erkannt hat, dann hilft ihm das einfache Überstülpen neuer ironischer Kleider auch nicht weiter. Stefan Pucher entsorgt die wahre Tragödie der Elektra in der Altkleidersammlung und befördert sie damit von der Theater-Wunderkammer direkt ins Kuriositätenkabinett der Regieeinfälle, einem Panoptikum der blutleeren Theatertoten.

                                                                                       *

„Hier spricht Elektra. Im Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer. (...) Nieder mit dem Glück der Unterwerfung. Es lebe der Hass, die Verachtung, der Aufstand der Tod. Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“

Heiner Müller, aus: Hamletmaschine

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Der Beitag ist bereits am 02.12.2013 auf Kultura-Extra erschienen.

www.blog.theater-nachtgedanken.de

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Deutsches Theater Berlin - Foto: St. Bock
Trauernde Elektra. Tischbein, 1784, Deutsches Historisches Museum Berlin - Wikipedia
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