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Livekritik zu

Die Schutzbefohlenen

01.05.2015 - 02.05.2015 | Berlin [ Wilmersdorf ] / Haus der Berliner Festspiele
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Stefan Bock
am 03.05.2015

Das 52. Berliner Theatertreffen eröffnet mit der Inszenierung des Jelinek-Stücks "Die Schutzbefohlenen" vom Thalia Theater Hamburg.

 

Bereits im Oktober letzten Jahres ging ein schier unglaubliches Foto um die Welt. Auf einem riesigen Drahtzaun, der die spanischen Exklave Melilla an der Grenze zu Marokko vom Kontinent Afrika trennt, hingen Flüchtlinge, die unter Einsatz ihres Lebens diesen Zaun zu überwinden versuchten, während auf der anderen Seite reiche Europäer in aller Seelenruhe Golf spielten. Zurzeit häufen sich in den heimischen TV- und Printmedien wieder die Bilder von gekenterten Flüchtlingsbooten und angeschwemmten Leichen aus dem Mittelmeer. Eine fortgesetzte Schande für die Länder der Europäischen Gemeinschaft und die Verantwortlichen dieses unmenschlichen Grenzregimes.

Angesichts dessen und der Tatsache, dass die Künstler-Gruppe „Zentrum für politische Schönheit“ mit ihrer Aktion Erster Europäischer Mauerfall bereits im letzten Jahr für großes Furore sorgte, wäre es geradezu kurzsichtig vom Berliner Theatertreffen, der nun wieder anstehenden Leistungsschau der deutschsprachigen Theaterlandschaft solche Engagements politisch aktiver Kunst nicht zu würdigen. Fast schon retrospektiv bemüht man sich  dann auch dem Thema einigermaßen gerecht zu werden.  Und so  hat es dann auch ein anderer diskussionswürdiger Versuch, nämlich Nicolas Stemanns Inszenierung des Klageepos Die Schutzbefohlenen von der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek nach Berlin geschafft. Die Produktion des Thalia Theaters Hamburg - gleichsam als Eröffnungsbeitrag zum 52. Theatertreffen - deutet dabei nicht nur an,  wo die Grenzen in Europa verlaufen, sondern auch wo der Kunst die Grenzen gesetzt sind. Diese Grenze in den Köpfen und der allgemeinen Wahrnehmung zu verschieben, war letztendlich  auch die Absicht der an die Grenze der „Festung Europa“ entführten Berliner Mauerkreuze.

*

Im Vergleich weniger spektakulär, aber darum nicht minder eindrucksvoll erzählt in Jelineks Stück ein Chor von Flüchtlingen seine Geschichte von Verfolgung, qualvoller Flucht und neuen Repressionen im Land der Verheißung von Freiheit, Gleichheit, Recht und Demokratie. Ein Fundament, auf das wir nicht steigen können, da es auf dem Rücken von Menschen gebaut ist, wie es so ähnlich auch in Jelineks Text heißt. Ihr Text hat Anklänge an antike und mythologische Stoffe wie den Chor "Die Schutzflehenden" von Aischylos, Ovids "Metamorphosen" und die Bibel. Aber auch Schriften und Ereignisse mit aktuellem Zeitbezug wie etwa eine Broschüre des österreichischen Staatssekretariats für Integration mit dem schönen Titel „Zusammenleben in Österreich“  oder bös-ironische Spitzen auf sogenannte willkommene Einwanderer wie die Opernsängerin Anna Netrebko und die Blitzeinbürgerung der Jelzin-Tochter Tatjana Jumaschewa sind mit eingeflossen.

Die große Frage im Umgang mit dem Text ist: Wer spricht hier für wen, oder wem soll letztendlich wirklich dadurch eine Stimme gegeben werden. Das typische Repräsentations- und Stellvertreterdilemma des Theaters, das hier noch dadurch verstärkt wird, dass man nicht etwa nur eine fiktive Rolle spielt, sondern im Namen einer tatsächlich vorhandenen, aber größtenteils stummen Menschengruppe spricht. Darüber können auch einzelne Aktionen von Flüchtlingen in Wien, Berlin und Hamburg (meist aus einem anderen Schutzraum, wie dem der Kirche, heraus) nicht hinwegtäuschen. Diese Menschen sind uns größtenteils dadurch fremd, dass wir ihre Geschichte(n) nicht kennen und uns auch bisher nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für diese interessiert haben. Ein Problem, das Regisseur Stemann auch erkannt hat und dem er in seiner Inszenierung weitestgehend versucht Rechnung zu tragen.

Neben dem Inhalt des Textes selbst, der mal im typischen Jelinek-Stil kalauernd daher kommt, dann aber auch wieder ganz pathetisch Leid, Verzweiflung und Rechtlosigkeit beklagt, ist es immer auch seine adäquate Darstellung, worüber er sich letztendlich transportiert, um seinen Weg zum Publikum zu finden. Hier ist das Spiel zunächst wie selbstverständlich auf eine Gruppe weißer, männlicher  Schauspieler (Sebastian Rudolph, Felix Knopp und Daniel Lommatzsch) aufgeteilt. Zu Ihnen gesellen sich dann noch die schwarzen Schauspieler Ernest Allen Hausmann und Thelma Buabeng sowie die Hamburgerin Barbara Nüsse, die die erste Gruppe nun wieder in Zweifel ziehen.

Stemann lässt  alle mit den Worten Jelineks um ihre Präsenz und  Deutungshoheit auf der Bühne ringen. Sie wissen, dass sie nicht die Flüchtlinge sind. Eigentlich sind sie - wie auch wir als Adressaten der ja Klage - selbst gemeint. Das gipfelt dann in der Feststellung: „Wir  können euch nicht helfen, wir müssen euch doch spielen." Ein Dilemma zwischen Betroffenheit über das Gesagte und dem Paradox der Einfühlung bei gleichzeitiger Repräsentation. Stemann überspielt das Problem immer wieder durch ironische Hinterfragungen, einem Aus-der-Rolle-heraus-Treten, Travestie und Slapstick sowie viel Musik.

Die wirklich Betroffenen kommen aber auch noch zu Wort. Im Hintergrund formiert sich ein echter Chor aus Schutzsuchenden, die wiederum ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. Elfriede Jelinek hat ihr Stück in Anlehnung an in Wien Asyl suchende Menschen geschrieben, die aus Angst vor der Abschiebung die dortige Votivkirche besetzten. Nicolas Stemann spielte in Hamburg mit einer Gruppe von Lampedusa-Flüchtlingen, die in der Sankt Pauli Kirche Zuflucht gesucht hatten. In Berlin sind es Menschen, die vor kurzem noch den Oranienplatz und die Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg besetzt hielten. Ein Umstand, der ein weiteres Dilemma zeigt: die Unfreiheit als Flüchtling in einer freiheitlichen Demokratie. Bei aller Unzulänglichkeit der Darstellung - ein erster Versuch, der Flüchtlings-Problematik in theatraler Weise beizukommen. Weitere werden sicher folgen.

*

Die Inszenierung erntete bisher viel Lob, aber auch ernst zu nehmende Ablehnung. Da tat Stemann sicher gut daran, die Zweifel der Darstellbarkeit gleich mit zu thematisieren. Man kann sich natürlich auch andere Performances wie Schlepperopern oder szenisch aufbereitete Wikipedia-Vorträge über Frontex ansehen (die haben sicher auch ihre Berechtigung). Und man kann im Voraus oder im Nachhinein viel behaupten. Was auch zur Aussage der Macher zur speziell politischen Ausrichtung des aktuellen Theatertreffens passen würde. 

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Zuerst erschienen am 01.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Ein Abend voll aufregender gesellschaftspolitscher Fragen.

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Medien von Stefan Bock

 Das 52. Berliner Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.
Das 52. Berliner Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.
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