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Livekritik zu

Schwestern im Geiste

13.03.2014 - 03.01.2015 | Berlin [ Neukölln ] / Neuköllner Oper
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Mig Bogdoll
am 02.12.2014

Drei Schwestern und eine Welt voller Liebe und Schmerz

„Schwestern im Geiste“ ist seit der Uraufführung am 13. März diesen Jahres  als musikalische Zeitreise ein ganz besonderer Erfolg unter dem Genre Musical. Die Bühne der Neuköllner Oper verwandelt sich dazu in ein Bild zweier verschiedener Jahrhunderte. Das Publikum kommt in den Saal und betrachtet sofort dieses besondere Bühnenbild, an dessen Bau mehrere Handwerker beteiligt waren. Zu sehen ist eine riesige Wand, die einer Tafel gleicht, an der eine Menge Sätze der Bronte- Schwestern angeordnet sind. In der Bühnenmitte ist ein Steg, möglicherweise eine Art Abgrenzung für zwei Parallelwelten? Links ein Tisch mit vier Stühlen und kleinem Schränkchen, rechts eine Schulbank. Hinter dieser kann man das kleine aber feine Orchester entdecken. 

Streng und konservativ - Es wird alles ganz ruhig, und das Musical von Lund und Zaufke scheint zu beginnen, doch es tritt ein Herr auf die Bühne, der berichtet: Der Darsteller Denis Edelmann wird die Rolle des Sir Arthur Nicholas nur markieren, vor allem den gesanglichen Part.  Er sei leider erkrankt und ist verhindert, seine Stimme ganz zu nutzen. Ich finde es gut, dass es nun angesagt wurde und bin gespannt, wie er sich schlagen wird. „Schwestern im Geiste“ beruht auf der Biografie der Bronte-Schwestern beziehungsweise -Geschwister aus dem 19. Jahrhundert. Sie alle sind mehr oder weniger erfolgreiche Schriftsteller, auch wenn das ein Tabu ist zu dieser Zeit - Frauen hatten sich damals unterzuordnen und das zu tun, was die Männer im Hause sagen. Schreiben war für eine Frau nicht vorgesehen! Also müssen männliche Pseudonyme für Charlotte (Keren Trüger), Emily (Dalma Viczina) und die jüngste Schwester Anne (Katharina Abt) her, von denen Branwell (Andres Esteban), ihr trinksüchtiger Bruder, auf keinen Fall erfahren darf. Mitbekommen tut so ziemlich alles das Hausmädchen Tabby (Sabrina Reischl) und mischt die Gedanken der Brontes ordentlich auf! Es wird für sie ein Leben bestehend aus Angst, Lügen, Intrigen, Rücksichtslosigkeit und Erpressung. Emanzipation - dieses Wort war zu dieser Zeit wohl kaum erfunden worden. Und heute? Milly (Rubini Zöllner) macht in ihrem Leben eigentlich, was sie will. Vor allem bemüht sie sich wenig um ihr Abitur, denn das Buch der Biografien der Brontes in ihrem Leistungskurs interessiert sie reichlich wenig und wird dies bezüglich auch von der Lehrerin Lotte (Teresa Scherhag) benotet, die sie heimlich verehrt. Ihre Mitschülerin Aydin (Jaqueline Reinhold) dagegen soll an ihren Cousin Adem verheiratet werden, den sie noch nie zuvor gesehen hat. Emanzipation geht anders, findet Lotte, die sich lieber diesem Problem zuwendet als ihrem eigenen, von ihrer Schülerin Milly verführt zu werden. Diese kostet es natürlich gerne aus, um gute Abiturnoten zu erreichen.

Parallelwelten und Erfolg - Schon während des 1. Aktes wird sichtbar: Jeder Charakter der Schwestern ist einem aus der heutigen Zeit zugeordnet, weicht aber teilweise vom Einheitsbild und roten Faden der Geschichte ab. So entstehen für mich die häufigsten erkennbaren Parallelen zwischen Milly und Emily, den zwei verrückten aber weltinteressierten Wesen, Charlotte und Lotte, den zwei angstvollen Seelen und Aydin und Anne, den etwas naiven jedoch sehr klugen Frauen, die mehr können als sie glauben. In diesen Konstellationen wird oft miteinander gesungen und es werden Blicke ausgetauscht. Branwell, Sir Nicholas und Tabby spielten in der Biografie der Schwestern eine sehr wichtige Rolle und tragen ausschlaggebend zu den Geschehnissen bei. Es wird viel über die Liebe und Zuneigung nachgedacht. Letztendlich sollte, glaube ich, jeder im Publikum die Nachricht verstanden haben: Ohne Liebe ist man nichts wert. Ob es Menschen, Tiere oder Pflanzen sind, jeder muss geliebt werden und lieben. Anne, Emily und Charlotte lieben das Schreiben. In dem Song „Skandal“ geht es darum, dass jedes Buch seinen Wert und Erfolg bekommt, ganzgleich ob es „Mist oder Kunst“ in den Augen der Leute ist.

Mitgerissen, leise aber intensiv! - Die Inszenierung „Schwestern im Geiste“ ist sehr gefühlvoll und emotional, voller Liebe und Hass zugleich. Sie erzählt von Träumen und dem Kampf, das zu erreichen, wonach man strebt. Sie beschreibt die Größe der Weltliteratur und zeigt uns, dass man die Welt immer noch verbessern muss und dass manche Wege, beispielsweise der Alkoholkonsum wie bei Branwell, keine Lösungen sind. „Wort ist der Raum, der mir bleibt“ ist in meinen Augen das perfekte Fazit des gesamten Stückes, alle Handlungen laufen auf diesen Punkt hinaus. Jeder Mensch muss sich entfalten und darin aufgehen dürfen, was er liebt. Der Zuschauer hat die volle Möglichkeit, mitzufühlen. Er leidet, schmunzelt, zelebriert, jubelt. Jubelt vor allem still. Große Standing Ovation ist der Stimmung nach nicht direkt angebracht, finde ich. Dieses Stück lädt eher zum Nach- und Umdenken ein zwischen den Songs, Gesprächen und Tänzen. Die künstlerische Leistung hat sich innerhalb der Monate seit der Uraufführung enorm weiterentwickelt, das Schauspiel tritt in diesem Musical in den Vordergrund. Gesanglich gab es an diesem Abend keine großen hörbaren  Fehler, Denis hat sich ziemlich gut geschlagen und hat alles ausgesungen und -gesprochen. Der Gesang war von jedem der Darsteller etwas Einzigartiges. Ich bin sehr begeistert, was dieses Niveau von Musiktheater angeht. Etwas Altes und etwas Neues zusammenzubringen ist keine leichte Aufgabe, diese Herrschaften haben sie jedoch in vollen Zügen gemeistert! Die Balance zwischen Stimmen, Musik und Text ist hervorragend, verständlich und nachvollziehbar für den Zuschauer. Die gefühlvollen Kompositionen nehmen ihn mit in eine andere Welt, lassen ihn träumen und nachdenken über das Leben an sich. 

 

Ich bin zutiefst berührt von diesem Stück, würde es wieder und wieder anschauen. „Egal was du tust, sei immer du selbst“ ist für dieses Musical mein ganz persönlicher Leitsatz. Tausend Dank an alle Künstler, die an der Arbeit beteiligt waren, für solch schöne Abende im Theater!      

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