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Livekritik zu

Jenny Jannowitz

16.10.2014 | Frankfurt (Oder) / Kleist Forum
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Laura Lucas
am 18.10.2014

„Dir stehen doch alle Möglichkeiten offen!“

„Und doch habe ich keine Wahl!“

Jenny Jannowitz heißt dieses Stück, für das der junge Dramatiker Michel Decar am Donnerstag Abend in Frankfurt/Oder den Kleist-Förderpreis erhielt. Das muss deswegen gleich im ersten Satz betont werden, weil es eigentlich Karlo Kollmar hätte heißen müssen, denn um den geht’s in der Hauptsache. Und dann ist noch wichtig, dass man Jenny sagt, so wie in Joghurt, nicht wie in Jeans, denn sonst klappt’s nicht mit dem fröhlichen Alliterationen-Bingo.

Aber eigentlich ist’s auch egal, wie das Stück heißt, denn Karlo ist Jenny und Jenny ist Karlo und beide sind sie wir alle. Und überhaupt klingt Jenny Jannowitz so viel cooler als Monika Mustermann, viel mehr nach Berlin. „Keine Ahnung, wovon es handelt, aber es ist virtuos“, kündigte einer der Juroren zuvor in der Laudatio an. (Andreas hieß der und hinten bestimmt was mit A.) Kein Personenregister habe das Stück, keine Regieanweisungen. Nicht mal wie lange es dauert, könne man sagen – einen Tag, ein Jahr, ein ganzes Leben? Gemeint ist, das sei zur Beruhigung gesagt, die erzählte Zeit und nicht die Erzählzeit, denn letztere lässt sich mit ca. 90 Minuten doch recht deutlich bestimmen.

Zu Beginn der Handlung jedenfalls schläft Karlo. Wie lang, das kann man freilich nicht sagen, definitiv zu lang jedoch, denn draußen ist schon wieder Frühling. Sowieso ist in dieser Inszenierung nichts so wie es scheint. Die Kinderkaufladenkulisse (Bingo!) entpuppt sich im nächsten Augenblick als Vielzweckmöbel im Setzkastensystem: Hier eine Klappe hoch, schon hat man einen Sitz. Dort ein Element raus, schon hat man einen Tisch. Wie gut, dass es für fast alles auf der Bühne ein Schildchen gibt! So weiß man immer wo man gerade ist (Berlin! Hamburg! Mumbai! Oder Bombay?) und wer gerade spricht (Der Spiegel! Die Stuhllehne!) Doch spätestens als aus Sibylle erst Sabylle, dann Sabynne und schließlich Sabine wird, ist’s aus mit der Orientierung und wir Zuschauer sind ebenso verloren in dieser (Alp-)Traumszenerie wie Karlo.

Dieser nämlich befindet sich inmitten einer Alice im Wunderland-Ästhetik und erinnert dabei gewaltig an Asterix auf der Suche nach Passierschein A38. Neben Freundin Sadingsbums ist da nämlich noch der betont lässige Chef, der denglischsprechende Kumpel Ollllivä, und die angestrengt Yoga-praktizierende Mutter Sandra/Mama/Banwat – allesamt Sinnbilder der heutigen Leistungsgesellschaft und allesamt wollen sie was von Karlo. Doch der fragt sich, was das eigentlich alles mit seinem Leben zu tun hat und will bloß mal innehalten und in Ruhe auf dem Dach das Weltall ansehen. Unter all den bunten, modernen Performern um ihn herum fühlt er sich wie ein Verrückter. Doch Verrücktsein, das war immer schon eine Frage der Perspektive. Unter lauter Verrückten ist es der Normale, der sich für verrückt hält. Gut, dass da noch Jenny ist: Ebenso schwarz-weiß gekleidet wie Karlo, verteilt sie Konfetti auf der Bühne und zaubert Kaninchen hervor. Ein Freak also? Nein. Irgendwie ist sie doch viel normaler als die anderen.

Und wozu das Ganze? Vielleicht ist ja der Sinn des Stücks gerade so anstrengend zu sein, dass das eigene Leben sich plötzlich herrlich entspannt anfühlt. So verrückt, wie die da auf der Bühne sind wir nicht. Oder?

„Und von uns? Da fangen wir jetzt gar nicht erst an!“

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Alice trifft Asterix - Ein spaßiges Spektakel

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