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Livekritik zu

Peer nach Henrik Ibsen - Teil der -Festspiele

23.03.2013 - 26.03.2013 | Berlin / bat-Studiotheater
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Laura Kallenbach
am 23.05.2013

„Uns kann keiner gebrauchen!“

Mit dieser Parole warben die Regiestudenten des 3. Studienjahres der Schauspielschule „Ernst Busch“ für ihre erstmals ins Leben gerufenen „-Festspiele“ an der eigenen Studiobühne, dem BAT. Eine Parole gegen die Verwertbarkeit, gegen den Mainstream, gegen die Anpassung und die Sucht des Gefallen-Wollens. Individuell wollten sie sein, dabei aber auf gar keinen Fall Konkurrenten. Eigentlich eine schöne Utopie.

 

Peer – entfällt

Doch diese Utopie schmeckt ein wenig nach Größenwahn.

Moritz Riesewiecks „Peer“ nach Hendrik Ibsen sollte eine der fünf Inszenierungen werden - ein Mammutprojekt mit 20 Schauspielern und noch mal so vielen künstlerischen Mitarbeitern inklusive Komponist, Videokünstler und einer Autorin, die eigens mit einer Neubearbeitung des Stoffes beauftragt wurde. Aber dazu kam es nicht. Die Premiere, die drei Wochen zuvor stattfinden sollte, war kurzfristig abgesagt worden. Aus „Peer“ wurde „Peer – entfällt“. Doch „Peer – entfällt“ war nicht etwa eine Leerstelle im Programm der „-Festspiele“, ein „Muss auf Grund von Erkrankung ausfallen.“ (wie es noch drei Wochen zuvor auf der Internetseite des BATs zu lesen war) oder ein „Tut uns leid, wir haben's einfach nicht geschafft.“ - nein, „Peer – entfällt“ fand statt und wie!

 

Anatomie des Größenwahns

Moritz Riesewieck selbst stellt sich auf die Bühne und damit dem Publikum. Unterstützung vom Team gibt es jetzt nur noch von der Dramaturgin Tina Ebert. MR ist er für die folgenden 45 Minuten. MR holt ein paar Leute aus dem Publikum und kommandiert sie und später auch seine Dramaturgin durch den Raum – ganz der größenwahnsinnige Despot von dem gleichzeitig eine Toneinspielung berichtet. Etwa 20 Minuten wird die Vorbereitungs- und Probenzeit zu „Peer“ kleinteilig aufgearbeitet, abgespult, wie die große Papierrolle über der Bühne, die sich fortwährend dreht und einen immer weiter wachsende Papierberg auf die Bühne ergießt. 45.000 € Kulturförderung beantragt – abgelehnt, jeden zweiten Tag eine neue Textfassung, 3x Änderung des Spielortes und des Bühnenbildes, 5 Regieassistenten beansprucht, Schauspieler, die immer wieder abspringen, neue, die zum Vorsprechen gebeten werden - . So sieht sie aus, die Anatomie des Größenwahns des MR. Die Toneinspielung läuft und MR lässt einen Turm aus Pappkartons bauen. „Nein, nicht den! Das hält nicht! Nimm den da!“ Bis dahin ganz nett. Der kleine Irre. 45.000€ ? Klar, dass das nichts wird. Übermut tut selten gut.

Die Stimmung im Publikum ist gut. Es wird viel gelacht über den Größenwahn des MR. Und was dabei ganz wichtig ist: Er hat es ja erkannt. Gott sei Dank! Wenigstens ist er ehrlich.

 

Unreflektiert – wohl kaum

Doch dann wird MR noch ein wenig ehrlicher – und die Stimmung kippt. Er könne sich jetzt auf das rote Sofa des Therapeuten legen, um herauszufinden, wo bei ihm der Fehler liegt, wie das passieren konnte. Aber das tut er nicht. Moritz Riesewiecks MR holt aus, schimpft auf den Erwartungsdruck, die Individualitätssucht der Kunstbetriebe, schießt gegen Schauspieler – Eitelkeit geht vor Kunstverständnis – und gegen Feuilleton und Kunsthochschulen. Einmalig, möglichst schnell wiederzuerkennen, kritisch, unkompliziert und effektiv sollen sie sein, die neuen Regietalente. Scheitern ist erlaubt, aber bitte nicht zu oft. Das geht ins Geld und wirkt auf Dauer unreflektiert. Lernen, weiter machen, besser werden.

Als unreflektiert empfanden wohl auch weite Teile des Publikums die Darbietung Moritz Riesewiecks. In regelmäßigen Abständen verlassen Einzelne Türen schlagend den Saal. „Du Arschloch!“ heißt es aus dem Zuschauerraum. Aber wer blieb und offen blieb, konnte sehen, wie reflektiert dieser Abend war. Moritz Riesewieck stilisiert seinen MR zu genau dem Arschloch, das alle während der Proben in ihm gesehen haben und dieser redet sich um Kopf und Kragen. Als MR schließlich verkündet, „Peer – entfällt“ sei von Anfang an geplant, der ganze Weg des Scheiterns bis hier hin sein Ziel gewesen, wird in einer provokanten Behauptung die gesamte Absurdität der „-Festspiele“, Talenteschmieden wie der „Ernst Busch“ und nicht zuletzt deutscher Stadt- und Staats-Theatermentalität deutlich. „Peer“ sollte scheitern – denn das kann nun wirklich keiner gebrauchen.

 

Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.

Moritz Riesewieck schickt MR in die Schlacht gegen das SYSTEM. Aber wer dagegen ist, ist mittendrin. Alles ist zu vermarkten, selbst der Protest, selbst das Scheitern. Damit geht er nicht zuletzt mit sich selbst ins Gericht. „Uns kann keiner gebrauchen!“? Moritz Riesewieck hat sich an dieser Parole übernommen. Was soll sie bedeuten? Fünf Regiestudenten zeigen ihre Arbeiten, um nicht gesehen zu werden? Wohl kaum. Sie wollen gesehen werden, beachtet – und verwertet, gespielt auf den Bühnen dieses Landes, beschrieben im Feuilleton, eingeladen zu Festivals. Dieser Gedanke schmälert die Kraft ihrer Arbeiten nicht, die Verleugnung dessen ist es, die einen Geschmack von Eitelkeit hinterlässt.

MR findet seinen Ausweg im Wahnsinn. Mehr Hochstapler braucht das Land! Höher, weiter, schneller! Scheitern! Das System überfordern, überlasten. Darin liegt die einzige Chance. Er lässt sich zur Peer-Gynt-Suite von Grieg in einem Fluggestell nach oben ziehen - der Turm aus Pappkartons bricht unter ihm zusammen. Er schreit, er strampelt, er kriecht davon und verschwindet im Papierberg.

 

Moritz Riesewieck und Tina Ebert betreiben mit ihrem Konzept von „Peer – entfällt“ keine Nabelschau des eigenen Scheiterns, sie begreifen einen Mechanismus, den sie selbst gestalten. Nicht wer sich heraus nimmt, sondern wer beginnt, Muster zu sehen und mit ihnen zu spielen, schafft sich Freiheit. „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ (Samuel Beckett) Dazu bedarf es Selbstkritik und einer Portion Humor. Und davon hat dieser Abend ehrlich und mit intelligenten Bildern viel gezeigt. Hut ab!

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