Overlay
Livekritik zu

Karin Slaughter: Bittere Wunden

09.09.2014 | Berlin [ Friedrichshain ] / Berliner Kriminal Theater
« zurück zur Veranstaltungsseite
Katharina Trachte
am 19.09.2014

Als ich Karin Slaughter zum ersten Mal sehe bin ich überrascht, obwohl ich ihr Gesicht schon von dem riesigen Werbeplakat für "Bittere Wunden" kannte, das schon seit Wochen am S-Bahnhof prangt. Irgendwie stellt man sich immer vor, dass Thrillerautorinnen genauso sind wie ihre Bücher:  erschreckend, irgendwie anders, düster. Aber Karin Slaughter scheint nicht so zu sein. Obwohl ich eine der letzten in der Reihe der zahlreichen Twitterati und Livekritiker bin, die darauf wartet, sich ihr Buch signieren zu lassen, ist sie super freundlich, und wir führen ein wenig Smalltalk, als sie mir 'Best Wishes' über ihr geübtes Kürzel schreibt. Sie war schon oft in Deutschland und findet es sehr schön hier, gerade sei sie aus München gekommen, verrät sie. Eine weite Reise - aber sie sieht wach und gut gelaunt aus. Selbst als wir sie beim Sektempfang mit Fragen löchern, antwortet sie ganz entspannt und erzählt uns von sich und ihrer Schreibkunst.

Aber das war ja noch nicht alles: Ein paar Fragen heben wir uns natürlich auf. Denn wir sind hier schließlich nicht auf einer klassischen Lesung, sondern auf der ersten interaktiven Literaturveranstaltung, die so in Deutschland stattfindet. Das erzählt die Moderatorin am Anfang der Veranstaltung, als die zahlreichen Gäste Platz genommen haben. Wir, die Twitterati und Livekritiker, sitzen auf den Logenplätzen - da können wir den gut gefüllten Saal überblicken und problemlos auf unseren Smartphones live via Twitter das Geschehen kommentieren.

Doch mein guter Vorsatz, wirklich alles zu kommentieren, scheitert bald. Die Abschnitte aus dem Roman, die erst Karin auf Englisch und dann James Bond-Synchronsprecher Dietmar Wunder auf deutsch vorliest, ziehen mich sofort in ihren Bann. Aber nicht nur mich: Der ganze Saal ist mucksmäuschen still - jeder lauscht. Unglaublich, denke ich später, wie man in nur so wenigen Sätzen so viel Spannung aufbauen kann! Und gleich danach beantwortet Karin schon wieder schlagfertig und wie aus der Pistole geschossen die Fragen der Moderatorin. Da ist auf jeden Fall ein Profi auf der Bühne!

Bevor die Lesung losging, hat Karin ausgeplaudert, dass ihr Lieblingsplatz zum Schreiben ihre einsame Hütte in den Bergen ist. Das klingt zu erst romantisch - doch als der zweite Lesungsabschnitt beginnt, bin ich froh, dass ich ihn in einem großen Theater voller Menschen höre, und nicht allein in den Bergen! In diesem Abschnitt beschreibt die Autorin eine Autopsie einer verstümmelten Frauenleiche. Hätte man seine Augen geschlossen, (und das habe ich mich ehrlich gesagt nicht getraut), so hätte man das Gefühl, wirklich bei dieser Autopsie anwesend zu sein, so genau, so treffend waren die Worte, die diese Frau gefunden hat. Es sind nur Worte, rede (bestimmt nicht nur) ich mir ein, obwohl ich weiß, dass es nicht so ist - eher die nervenaufreibendste Beschreibung, die mir je zu Ohren gekommen ist. 

Als die Lesung vorbei ist, atme ich ein bisschen auf - das war Spannung pur! Aber nun sind unsere Twitter-Fragen dran! Wer kennt das nicht: Eine Lesung ist vorbei und das Publikum wird aufgefordert, fragen zu stellen - aber keiner traut sich den Anfang zu machen, der Autor sitzt bedröppelt auf der Bühne, die Besucher schweigen vertreten. Das gab es an diesem Abend definitiv nicht. 

Frau Wünsche von livekritik bringt unsere Fragen höchstpersönlich auf einem Blatt nach vorne, die Moderatorin verliest, Karin antwortet. Und obwohl die Fragen gar nicht ohne sind. Über das Internet traut man sich halt manchmal ein wenig mehr, und das kam der Fragerunde auf jeden Fall zu Gute: Ob sie mit ihren Charakteren mitfühlt, und ob sie Angst vor Nachahmern hat - Fragen, bei denen man gespannt auf die Antwort wartet. Und Karin? Bleibt ganz entspannt, erzählt locker, aber dennoch ernst, von Briefen, die sie von Gefängnisinsassen bekommt und Stalkern, wegen denen sie umziehen musste. Dabei lässt sie aber nicht die Anekdote über eine Kollegin aus, die einen ihrer Stalker geheiratet hat. Tja, das Leben schreibt eben interessante Geschichten. Karin Slaughter aber auch!

Deswegen kann ich es nach der Veranstaltung kaum erwarten, in der Bahn endlich anzufangen, "Bittere Wunden" zu lesen. Aber nur dort, unter Menschen - allein trau ich mich das erstmal noch nicht!

 

Alles in allem eine gelungene Veranstaltung - die gemütliche Atmosphäre des Kriminaltheaters, eine aufgeschlossene und bemerkenswert kompetente, talentierte Autorin, und ein interessiertes Publikum. Sehr schön! Wenn Ms. Slaughter mal wieder in Deutschland ist, werde ich auf jeden Fall wieder zu ihrer Lesung gehen! 

Besucherfazit

Spannung pur! Karin Slaughter ist so sympathisch wie ihre Thriller fesselnd sind - 100%

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
8 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Cristóbal Marrero-Winkens
  • sil_95
  • Iris Souami
  • Sarah Dickel
  • Konrad Kögler @ daskulturblog
  • Iris Fitzner
  • Zelli
  • Irina Antesberger
  • Ulf Valentin
  • ENSEMBLE RUHR
  • Vicky Griesbach
  • Wilhelmine Molt
  • Marylennyfee Schmidt
  • Altfriedland
  • Kunstfenster Dießen
  • Sophie Wasserscheid
  • Kyritz
  • Ella Görner
  • Andrea Ostberg
  • Frollainwunder
  • Staatsoper im Schiller Theater

Für Freikarten und Kulturtipps

Andere Besucher interessierte auch

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!