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Livekritik zu

Schuld und Sühne

16.05.2015 - 07.10.2017 | Hamburg [ Mitte ] / Deutsches Schauspielhaus in Hamburg-SchauSpielHaus
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A.-K. Iwersen
am 01.06.2015

Nachdem Karin Henkel, dem Zufall eines Bühnenunfalls geschuldet, im Februar zunächst nur eine eher experimentelle Studie zu Dostojewskis Roman auf die Bühne des Malersaals gebracht hatte, bei der ein sechsfacher Raskolnikow auf den bevorstehenden Mord reflektiert: "Schuld" war damals der Titel, die Sühne ließ auf sich warten. Nun präsentiert  Henkel mit "Schuld und Sühne" den ganzen Stoff - freilich drastisch reduziert - auf der großen Bühne des Schauspielhauses:  700 Seiten Roman, reduziert auf noch immer stattliche vier Stunden Spielzeit.
 
Dostojewskis "Schuld und Sühne" in aller Kürze
Der intelligente, junge ehemalige Jura-Student Rodion Raskolnikow lebt in einer heruntergekommenen Unterkunft in größter finanzieller Not, durch die er auch sein Studium hat aufgeben müssen. Er lebt in dem Gefühl, ein verkanntes Genie, ein "außergewöhnlicher Mensch" zu sein und entwickelt eine Theorie, nach der die außergewöhnlichen Menschen Recht und Pflicht haben, die gewöhnlichen Menschen zu beherrschen, ja nötigenfalls zu töten. Zum Beweis seiner Theorie ermordet er eine alte Pfandleiherin, für ihn die Verkörperung des Nichtswürdigen, und deren geistig zurückgebliebene Schwester, die zufällig Zeuge des Mordes wird. Seinem eigenen Anspruch, ein außergewöhnlicher Mensch zu sein, kann er in der Folge der Tat aber nicht gerecht werden - seine Schuld isoliert ihn mehr und mehr, er fällt in einen fiebrigen Zustand. Dostojewski webt in diese Haupthandlung verschiedene Nebenhandlungen wie die der verarmten Familie Marmeladow, in der die großen Fragen des Romans ebenfalls diskutiert werden. Am Ende stellt sich Raskolnikow und wird zu 8 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt.
 
"Tatort" aus Sankt Petersburg - Team Porfirij stellt sich vor?
Einem so komplexen Werk wie "Schuld und Sühne" gerecht zu werden, ist keine leichte Aufgabe: Immer muss man hier die Reduktion in Kauf nehmen, Akzente setzen. Dabei bleibt Henkel im Kern recht nahe am Romantext, experimentiert deutlich weniger als in "Schuld".
 
Im Zentrum von Henkels Inszenierung steht das Individuum Raskolnikow und seine Gedankenwelt, die in nunmehr nur noch drei Personen auf die Bühne gebracht werden, und das intellektuelle Gefecht zwischen Raskolnikow und Ermittlungsrichter Porfirij. Dabei ist Raskolnikow eine  - im Vergleich zur Romanvorlage - relativ eindeutige Figur: Er wird im wesentlichen portraitiert als ein Irrer, der gefasst werden muss - was sich, mangels handfester Beweise, nicht so leicht gestaltet. Dieser Aufgabe gewachsen ist aber der psychologisch versierte Porfirij. Was sich liest wie eine Idee für ein neues Tatort-Team aus Sankt Petersburg mit einem Kommissar, ebenso so gutmütig wie schlau, ebenso konvivial wie randständig, sieht auf der Bühne auch so aus.
 
Das macht Spaß - es ist, als würde man einen psychologisch wirklich gut konstruierten "Tatort" genießen. Hier und da mit einer Prise Humor, einem Schuß Sozialkritik und vielen großartigen Bildern, die hier und da ein bißchen an Gothic denken lassen. Zu den schönsten Momenten zählt sicherlich der Leichenschmaus für den toten Marmeladow und die Darstellung von dessen schwindsüchtiger, zunehmend dem Wahnsinn verfallender Ehefrau Katerina. 
 
Ja, das ist eine drastische Reduktion auch der Verständnisebenen. Es bleibt in dieser Inszenierung wenig Raum für die tatsächliche, die explizite Entwicklung der Frage(n), auf die die Antwort bei Dostojewski ambigue bleibt: Ist Raskolnikow wirklich irre, oder haben seine Gedanken, aller Monstrostität zum Trotz, auch eine gewisse Berechtigung? Wer ist ein "außergewöhnlicher Mensch", wer nur Laus? Welche Rechte lassen sich daraus ableiten, ein "außergewöhnlicher Mensch" zu sein? 
 
Bei Henkel ist das alles recht eindeutig, sogar, wo darüber diskutiert wird. Gerade im Zusammentreffen mit der Familie Marmeladows zeigt sich: Der Raskolikow Henkels ist ein Irrer, aber er ist ein guter Mensch, der auf Abwege gekommen ist, genauso, wie Sonja oder Dunja, die sich - mehr oder weniger - prostituieren, oder Katerina, die aus Verzweiflung ihre Kinder schlägt. 
 
Gleichwohl wäre es falsch zu sagen, Henkels Inszenierung sei zu holzschnittartig. Die Differenziertheit ist schon da, nur tritt sie zugunsten der Hauptnarration, die die Geschichte der Aufklärung eines "irgendwie" irren Mordes durch einen gewitzten Ermittlunsgrichter erzählt, in den Hintergrund. Das Schema "gefallener Engel" versus "klug, pragmatisch und im Leben stehend" dominiert die Charaktere des Stücks. Vorhandene zarte Andeutungen in eine andere Richtung gehen in diesem Haupterzählstrom etwas unter. Ein Beispiel: Swidrigailow, für den sich Raskolnikows Schwester Dunja prostituiert, hat einen unsäglichen Hang zu sehr jungen Mädchen und vergiftete seine Ehefrau; er ist ziemlich klar ein Bösewicht. Dass er im Gespräch mit Raskolnikow und später auch mit Dunja bemerkt, Dunja habe sich freiwillig hingegeben - und dass einige verteidigende Bemerkungen Dunjas durchaus nahelegen, dass er damit vielleicht nicht ganz unrecht hatte - ist sehr feinsinnig erzählt. Nur geht es im Gesamtbild der Inszenierung unter.
 
Bei Dostojewski ist das natürlich alles anders, ist alles vielschichtiger. Das ist nicht nur eine Frage von Raum und Zeit, die zur Verfügung stehen, es ist eben auch eine Frage der Auswahl und der Darstellung. Man hätte anders akzentuieren können und wäre damit vielleicht Dostojewski gerechter geworden, wer weiß; ob das aber auch so unterhaltsam geworden wäre - man weiß es nicht. Dem Publikum war es so schon zu lang, insbesondere am Anfang. Gefallen hat es vielen erst, als die Geschichte Fahrt aufnahm (mithin das Kriminalstück seinen Lauf nahm). Eine andere Akzentuierung hätte bedeutet, der Innerlichkeit mehr Raum einzuräumen. Mehr oder minder reine Innerlichkeit auf der Bühne wirkt aber über vier Stunden selten fesselnd. Von daher war die Entscheidung für die "Tatort"-Lösung sicherlich auch eine pragmatische, die wirklich sehr schön gelungen ist. Ein aufmerksamer Zuschauer wird trotzdem die Nuancen erkennen, in denen die Kernfragen der Romanvorlage mitdiskutiert werden.
 
Bühnenbild, Musik und Darsteller
Zu allen diesen Punkten bedarf es eigentlich keiner Worte - den entweder hat einem diese Inszenierung gefallen oder nicht, aber Bühnenbild (Thilo Reuther) und Kostüme (Nina von Mechow) waren wunderbar auf das Gesamtkonzept abgestimmt und schafften die leichte Gothic-Atmosphäre dieses psychologischen Krimis; die drei Musiker (Kay Buchheim, Alain Croubalian, Friedrich Paravicini), die fast die ganze Zeit das Stück begleiten, taten ein Übriges dazu, die Atmosphäre zu schaffen, die zwischen düsterer Innerlichkeit und Morbidität oszilliert. Schließlich die Darsteller allesamt mit einer umwerfenden Leistung, besonders Lina Beckmann in der Nebenrolle als Mutter Raskolnikows, aber auch Jan-Peter Kampwirth als fahriger, nervöser Raskolikow ist brilliant, mit einem ebenso brillant gespielten Ermittlungsrichter Porfirij (Charly Hübner) als Gegenspieler. Da kann nicht mehr viel schiefgehen.
 
Insgesamt mit vier Stunden und einer Pause ein langer Theaterabend, der nicht alle begeistert hat - wo dem einen Dostojewskische Tiefe fehlte, fehlte es dem anderen an unterhaltsamer Dynamik. Man kann es nicht allen recht machen.

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Der erste "Tatort" aus St. Petersburg? Nicht ganz Dostojewski, aber sehenswert!

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