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Livekritik zu

Pyramus und Thisbe

10.04.2015 - 26.04.2015 | Hamburg [ Mitte ] / Hamburger Sprechwerk
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A.-K. Iwersen
am 11.04.2015

Am gestrigen Abend hatte im Hamburger Sprechwerk die Oper „Pyramus und Thisbe“ Premiere – frei gestaltet nach Johann Adolph Hasses Intermezzo tragico „Piramo e Tisbe“ aus dem Jahre 1768 durch das Netzwerk junger Künstler cobratheater.cobra unter der Regie von Benjamin van Bebber.

Die Geschichte der Oper, die den klassischen Stoff von Pyramus und Thisbe aus Ovids „Metamorphosen“ aufgreift, ist schnell erzählt. Pyramus und Thisbe lieben einander, doch sind die Familien verfeindet und sie dürfen einander nicht sehen. Kommunizieren können sie nur durch einen Spalt in der Wand, der die Häuser der beiden Familien verbindet. Schlussendlich verabreden sie einen Treffpunkt im Wald, um ihren Familien – und dem Verbot – zu entfliehen. Thisbe, die zuerst ankommt, wird von einem Löwen attackiert, kann aber entkommen. Der ankommende Pyramus findet ein blutbeflecktes Tuch von Thisbe und wähnt die Geliebte bereits tot – so wählt er den Freitod. Als Thisbe zurückkehrt, nimmt auch sie sich das Leben, als sie den sterbenden Pyramus entdeckt. (Wem's bekannt vorkommt: Die im Prinzip analoge Geschichte von Romeo und Julia geht vermutlich auf den Stoff Ovids zurück.)

Die Inszenierung van Bebbers will eigentlich …alles: „Ist es möglich mit Hilfe der Oper die Büchse der Liebe erneut und anders und immer wieder neu zu öffnen? Mit einer Wiederentdeckung von Johann Adolf Hasses bahnbrechender Oper „Piramo e Tisbe“  und im Zusammenspiel von Lautsprecher-Stimmen und singenden Körpern, wollen wir den Schablonen der Liebe auf die Haut rücken. Wie viel Nähe vertragen wir und wo - zwischen romantischen Phantasmen, entkörperlichten Internet-Beziehungen, pornografisierter Werbung und realer Begegnung - kann das stattfinden, wonach wir uns sehnen? Wo ist die Lücke im Gesetz, dass uns hemmt…? Wo ist der Riss in der Wand, die uns vom Anderen trennt...?“ – so heißt es in der Programmankündigung. Im Programmheft wird die Intention dann doch noch einmal (leider nur scheinbar) enggeführt auf die Verwendung der und Arbeit mit der Stimme. Vielleicht liegt es an dem diffusen Anspruch, der der Inszenierung zugrunde liegt, dass man so wenig begreift, was sie eigentlich will.

Die Grundgeschichte wird verständlich erzählt, und die beiden Hauptdarstellerinnen Marie Sophie Richter und Lisa Schmalz als Pyramus und Thisbe überzeugen mit ihrem Gesang – musikalisch ist die Inszenierung rundum gelungen, eigentlich. Wären da nicht jene seltsamen Synthesizer-Einspieler, Geräusche und Verzerrungen, die etwas auf die Hörbarkeit schlagen. Ansonsten kann man einfach die Augen zu machen und verlebt einen schönen Abend. Was ist da verkehrt?

Ein Bühnenbild gibt es nicht. Kostüme, so richtig, auch nicht. Das Personal ist auch übersichtlich, denn die dritte Rolle, der Vater Thisbes, hört man nur als Stimme aus dem Off. Nun ja, das ist eben modern, mag man einwenden. Und mit Gestik und Mimik kann man viel ausdrücken – nur muss man es auch tun, oder eben die Schauspieler dazu anleiten, ihre Fähigkeiten richtig einzusetzen. „Pyramus und Thisbe“ erschlägt jedoch mit unverständlichen, scheinbar willkürliche Bewegungen wie dem mehr oder weniger spastischen Auf- und Abhüpfen Thisbes in ihrer Verzweiflung, und Gesten, die hohl und immer irgendwie fehl an Platze sind. Das kann man als Ausdrucksmittel einsetzen – wenn der Zuschauer es aber nicht mehr versteht, ist etwas schiefgegangen.

Dasselbe gilt von der Nutzung der Untertitelprojektion als weiteres Sinnmedium. Unter anderem werden hier gefettete und herausgehobene Wörter genutzt, um Sinn zu transportieren, insbesondere zur Charakterisierung des absenten, aber quasi omnipotenten Vaters von Thisbe. Eigentlich eine gute Idee, aber man findet diesen Gedanken, wie alles, nur angerissen, nicht zu Ende verfolgt.

So lautet denn das Fazit: Musikalisch eine sehenswerte Inszenierung mit sehr vielen kreativen Elementen, die den einen oder anderen wunderbaren Moment auf der Bühne zaubern. Doch überfrachtet mit zu vielen Ideen und zu verfolgenden Sinnfäden verliert die Inszenierung leider ihre Stringenz. Weniger ist eben doch manchmal mehr.

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Musikalisch schön, aber sinnüberfrachtet - Pyramus & Thisbe im Sprechwerk

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