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Livekritik zu

nachtgeschwister

08.03.2012 - 12.10.2012 | Berlin [ Prenzlauer Berg ] / Theater unterm Dach
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Jamal Tuschick
am 20.10.2013

„Nachtgeschwister“ im Berliner „Theater unterm Dach“

Da gibt es dieses Erstaunen. Dass dieser Mann solche Gedichte. Doch beginnt die Geschichte früher. Eine westdeutsche Autorin zieht aus dem Ramsch von Nürnberg ein Buch des gelernten Bohrwerksdrehers Wolfgang Hilbig (1941 – 2007). Sie glaubt, in dem DDR-Dichter aus dem Meuselwitzer Braunkohletagebau einen Seelenverwandten zur Verstärkung ihres lyrischen Ichs gefunden zu haben. Natascha Wodin nimmt Kontakt auf, das ist nicht einfach. Wir erinnern uns an Wählscheiben, Münzfernsprecher im ewigen Winter des Kalten Kriegs und an amtlich-ruppige Personen im Verbindungsdienst zwischen den deutschen Staaten. Es ergibt sich für Natascha ein Briefwechsel und fernmündlicher Austausch mit dem schreibenden Arbeiter und Delegierten. Plötzlich steht der in seiner Unerreichbarkeit wunderbare Wolfgang vor der Tür. Er kommt als Freigänger auf Lesereise. Wie sich bald herausstellen wird, ist Stumm gekommen, um zu bleiben.

 

Hilbig überliefert das in einer Ehe endende, fränkische Verhängnis in einem Dokument der Verwahrlosung – „Das Provisorium“. In Natascha Wodins Gegendarstellung „Nachtgeschwister“ heißt Wolfgang Hilbig Jakob Stumm. „Ausgerechnet Stumm“, heißt es in der theatralischen Adaption. Zu sehen ist das Hilbigs & Wodins Abrechnungen in eine Klammer ziehende Stück in einem Kleinod des Prenzlauer Bergs – dem „Theater unterm Dach“ – in einer hervorragenden Inszenierung von Anja Schneider und Alexander Krahnert.

 

Daniela Holtz spielt Natascha Wodin alias Hedda Rast. Sie schläft nicht mehr als andere Leute, nur zu anderen Zeiten. Jedes Ding wird von ihr phantasievoll extra benannt. Hedda ist das Kind einer ukrainischen Zwangsarbeiterin, sie lebt mit einer Spaltung im Wunderland. Zermürbt von einer Schuldverschiebung, die Opfer des Faschismus (Hedda und ihre Mutter) für den Sieg der Roten Armee in Haftung nehmen möchten. In ihrem schonungslosen Spiel zeigt Daniela Holtz die von Dummheit und Bigotterie Erpresste: wie sie sich zur Dichtung auf eine Lichtung und in die Liebe flüchtet. Wie glücklich Hedda ist, als Stumm sich ganz für sie entscheidet. Doch kommt eine artistische Allianz erst gar nicht zustande. Stumm verkörpert die Kunst ohne Kulturbeutel.

Gerd Diener und Stefan Schießleder spielen den Dichter Stumm. Der Underdog im proletarischen Poeten liegt an einer rasselnden Kette. Er schlägt an, wann immer sich jemand geriert. Aus dem Westen zu sein, reicht schon, um Stumm auf die Palme zu bringen. Man darf ihn sich nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen. „Ich Ostpratze“, gibt er selbst Auskunft.

Meistens spielt der dramatisch gutaussehende Stefan Schießleder Stumms seelische Notstände. Wenn Stumm trinkt, dann um nicht sofort abzusaufen. Er trinkt um sein Leben. Sein Leben (der Suff) findet nachts statt. Es erschöpft sich in Obsessionen. Hedda fühlt mit, schmiegt sich an. Gern wäre sie die einzige, doch der schwierige Stumm wirkt auf die bundesrepublikanischen Buchhändlerinnen wie der Rattenfänger von Hameln einst in seinem Fach sich auswirkte. Die Frauennamen grassieren in seiner Korrespondenz. Das hält Stumm von Eifersucht nicht ab.

 

Hedda fühlte sich stets fremd, jetzt hat sie einen, der fühlt sich noch fremder. Ab und an haut er zu, dann schläft er auf der Gefällten ein. Sein Schnarchen ist ein Inferno. Anflüge von Normalität am Mittelmeer und in der Pfalz beim Stipendium. Dann geht das wieder los: „Deine Muschi zerstört mein Werk.“

 

„Das, was man schreibt, wird zur Bedrohung.“

 

Stumm macht einen Entzug, „das gebändigte Toben der Männer. Jeder den eigenen, einsamen Untergang vor Augen“. Gerd Diener und Stefan Schießleder spielen sich sehr sehenswert die Bälle zu, als Alkoholiker von Beruf und „von drüben“. Immer mal wieder gibt Gerd Diener „unseren Mann am Klavier“. Er ist der Mann für die Schmachtfetzen, mit denen Rührung produziert wird. Bis die Frauenbeine wieder auseinander klappen. Umwerfend spielt Gerd Diener den schwülen Lüstling nach Sachsenart. (Der Thüringer Hilbig redete sächsisch.)

Hedda über Stumm: „Sein Körper schien zu gären.“

Die Mauer macht sich dünn, das Paar zieht nach Berlin. Der Dichter sehnt sich nach der DDR, „ich habe ja geradezu fiebrige Wurzeln in diese schwarze Erde geschlagen“. Stumm hat Erfolg, Hedda wird krank. Der Dichter fesselt die Dichterin an einen Stuhl. Längst ist die Liebe der Erregungslosigkeit gewichen.

Man heiratet noch für eine Handvoll Dollar vulgo Wohnung (Stichwort: Berechtigungsschein), dann verliert man sich aus den Augen. In der Zwischenzeit verwandelt sich die Bühne in eine Baustelle, jedenfalls ist das mein Bild von ihr. Man kann darin auch bloß eine in den Dreck gezogene Wohnung sehen. Oder eine Allusion auf geistige Obdachlosigkeit und nicht abzustellende Heimatlosigkeit.

Die Besprechung erschien zuerst am 19.10. auf Kultura: http://www.kultura-extra.de/theater/feull/wiederaufnahme_nachtgeschwiste...

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