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Livekritik zu

Macbeth

08.02.2013 - 29.04.2013 | Berlin [ Mitte ] / Maxim Gorki Theater Berlin
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Jamal Tuschick
am 08.04.2013

MACBETH ALS ADEPT EINER ABERGLÄUBISCHEN BLUTRELIGION

 

Monolithisch und mythologisch erscheint der Aufbau. Eine Märchenstunde findet ideal ihre Kulisse. Nur, dass die Geschichte heute Abend grimmiger als Grimms ist und außerdem so wahr wie alle Mythen und Legenden - und alle Alpträume der Gattung wahr sind. Es ist die Geschichte von dem Macbeth, die lange vor Shakespeare erzählt wurde, an den Lagerfeuern schottischer Clans. Auf der Bühne des Maxim Gorki-Theaters und in der Regie von Robert Borgmann erzählt erst einmal Lady Macbeth. Sie monologisiert mit gedrosselter Stimme – fast unsichtbar. Sie täuscht Unterpräsenz vor. Sofort ahnt man eine Angst des Regisseurs, das Auditorium könne leichten Herzens die Vorstellung passieren lassen.

Anne Müller spielt ihre Dame aus, als eine der Gewalt Verfallene. Sie zweifelt die Männlichkeit ihres Gatten an, wenn der nicht schnell genug morden möchte. Sie trägt ein transparentes Taucheranzugoberteil und sieht darin aus wie Isabella Rossellini in Blue Velvet. Ihr zur Seite sitzt Ed Gein als Nathalie Thiede und näht sich die Finger wund. Das Blut wird übertragen auf eine Leinwand. Gein vernäht die Kuhhäute der Geschichte Grausamkeit von Stalin bis Gaddafi. Der kleine Serientäter Gein hat immer gern genäht und die Häute seiner Opfer dann gut gegerbt. Anstatt zu gerben, raucht Nathalie Thiede. Sie hat den Maggie Gyllenhaal-Look verpasst bekommen von Janina Brinkmann - und könnte in ihrer Aufmachung jederzeit auf der Berlinale weiter rauchen.

 

Man erinnert sich: „Macbeth“ dramatisiert den Aufstieg eines Clan-Chefs gleichen Namens zum König von Schottland. Dem Than von Glamis fallen, wie von Gott mit links geworfen, zuerst die Anteile des Verräters Macdonwald zu. Jener Thane of Cawdor hat nämlich auf das falsche Pferd gesetzt. Es fiel dann unter dem norwegischen König Sweno. Loyale Schotten schlagen - mit Macbeth an der Spitze - die skandinavische Partei. In Borgmanns Inszenierung wird einem der Fortgang der Ereignisse so mitgeteilt.

 

Man unterrichtet König Duncan vom Sieg. In seiner Freude befördert er Macbeth. Der avancierte Heerführer lässt sich aber hinreißen zu Missetaten, die ihn bald verfinstern, so dass am Ziel seiner Wünsche die Hölle Hallo sagt.

 

Ich sehe Macbeth im Zauberwald seiner Epoche als Adepten einer abergläubischen Blutreligion, die kaum eine Trennung kennt zwischen Affekt und Vernunft. Vernunft erschöpft sich im Kalkül der Macht. Sie wird Macbeth erst zugemutet, dann spornt man ihn an, das Falsche zu tun. Albrecht Abraham Schuch spielt den Fürsten so lebhaft mitunter, wie ein junger Affe nach der Baumkrone greift. Das ganze Stück ist hier eine Herausforderung der Besucher, die Leute werden dermaßen eingenebelt, dass man an chemische Kriegsführung denkt. Mitunter läuft das Publikum Gefahr, zum gähnenden Maul zu verkommen. Die inkorporierte Gesellschaftskritik zerschellt in Wirkungslosigkeit. Die philosophischen Einlagen sind so delikat wie das vergessene Kontingent Soleier in einer stillgelegten Pilsstube.

 

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Kommentare

Sehr schön!

"Die philosophischen Einlagen sind so delikat wie das vergessene Kontingent Soleier in einer stillgelegten Pilsstube." Was für ein wunderbarer Satz! = ) Sehr lesenswerte Kritik, die meine Enttäuschung, dass ich die Premiere auf Grund der Verlegung verpasste, etwas mildert. Das Stück scheint dennoch nicht uninteressant zu sein!

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