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Livekritik zu

Lesung: Kein Jedermann. Eine Hommage an Max Reinhardt

28.10.2013 | Berlin [ Mitte ] / Deutsches Theater Berlin
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Jamal Tuschick
am 06.11.2013

Die Altvorderen „saßen schweigend im Zuschauerraum des Welttheaters“. Sie hatten viele Kinder. Die Sorge um den Nachwuchs „füllte die Leute aus“. So schreibt Max Reinhardt (1873 – 1943) über seine Familie. Von klein auf geht er eigene Wege, das Theater ist seine Utopie. Die Einbildungskraft des Heranwachsenden ergänzt das Unverstandene. Er sieht im Publikum ein zweites Ensemble. Es hängt „wie Fledermäuse von der Decke“. Reinhardt debütiert als Adoleszent in der Rolle eines alten Apothekers. Sein zweites Engagement nennt er „eine Schmiere in des Wortes verwegenster Bedeutung“. Doch resümiert er: „Es ist immer gut, die Fahrt ins Glück im Bummelzug zu machen.“

Sich selbst findet der Eleve eher zu wenig elegant und nicht aufgeweckt genug. In Salzburg spielt er in sechs Monaten allezeit greise Männer – in neunundvierzig Rollen. Für den Wurzelsepp braucht er extra Bergsocken. Die Kritik erkennt: „Im Detail scheint sein Wille größer als das Talent.“

1894 kommt Reinhardt in Berlin „unter Dach und Fach“. Er registriert „einen durchgehenden Zug ins Großartige“ und „eine Lese hochbegabter Leute“ am Deutschen Theater. Man spielt modern: Hauptmann, Ibsen, Strindberg, Schnitzler. Hauptmann inszeniert selbst, die Premieren sind „tolle Schlachten“. Reinhardt erkennt: Der Autor sieht immer nur sein Stück. Er will die Despotie der Dichter brechen, sein Theater soll ein Spielerparadies sein.

Reinhardt glaubt: „Das bürgerliche Leben hat aus seiner Armut lauter Tugenden gemacht. Das Publikum braucht das Theater nicht als Spiegel gesellschaftlicher Tristesse.“ Er selbst will „zurück zur Schönheit“ und weg „von den Gerüchen armer Leute“. 1905 übernimmt Reinhardt das Deutsche Theater und lässt erst einmal eine Drehbühne einbauen. Über jedwede Bedenken setzt er sich schnaubend hinweg. Ein Lokal verwandelt er in die Kammerspiele. Seine „Visionen überstürzen sich“.

*

Ein Morgen verspricht „den herzergreifenden Anblick“ einer leeren Bühne. Reinhardt tastet sich durch dunkle Parkettreihen. Noch darf er sich mit der Bestie einigermaßen allein wähnen. In vollkommener Latenz lädt er sich auf.

Wieder und wieder hat man die außerordentlichen Stimmungen des Theaters (zum Greifen nah) zu fassen versucht. Die Gelegenheiten am Rand. Unfälle und Abbrüche. Da setzt die Lesung von Katharina Matz, Helmut Mooshammer und Simone von Zglinicki ein: der junge Direktor (und Eigentümer) des Deutschen Theaters kommt zeitig ins Haus. Der Tag verspricht jedermann alles Mögliche, doch im Theater bleibt der Tag so verschlossen wie die Züge der eintrudelnden Spieler. Der helle Tag „schiebt die Abendmenschen vor sich her.“

Reinhardt ruft die Spieler aus ihrer Lethargie. Er ermutigt sie, sie sind seine Auserwählten.

Der Österreicher Reinhardt setzt siebentausend Schauspieler in zweitausend Stücken ein, er eröffnet und übernimmt dreizehn Theater. Er sagt: „Der normale Mensch wird einmal geboren, er liebt einmal, hasst einmal und stirbt einmal.“ Das sei zu wenig, um „die seelischen Organe“ in Schuss zu halten. im Übrigen blieben dem gewöhnlich Sterblichen „ein dutzend Phrasen für alle Fälle.“

Kunst schafft die Welt noch einmal. Nun gehört der Film zur Kunst. Er bedrängt das Theater, Reinhardt gründet die Salzburger Festspiele in sakraler Monumentalität. Geistliche Würdenträger treten (unfreiwillig) auf als Repräsentanten. Dann kommen die Nazis, sie bieten dem Juden Reinhardt die „Ehrenarier-Würde“ an. Reinhardt empört sich, die Geschichte nimmt ihren Lauf. Doch bleibt für Reinhardt das Theater „ein Schlupfwinkel für solche, die ihre Kindheit in die Tasche gesteckt haben, um ein Leben lang zu spielen“.

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Er sah im Publikum ein zweites Ensemble

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