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Livekritik zu

†i†u$

07.06.2014 - 09.06.2014 | Berlin [ Prenzlauer Berg ] / Ballhaus Ost
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Jamal Tuschick
am 11.06.2014

Herrensitz im Garagenstil

"†i†u$" - Shakespeares Blutrausch "Titus Andronicus" als Splatter-Orgie im Berliner Ballhaus Ost

Im Jahr des Herrn 410 nahmen Westgoten die Hauptstadt der Welt ein. Die "Welt" verglich das Ereignis mit dem Septemberterror von 2001. Die Goten folgten Führer Alarich, er soll bei seinen Leuten auf gutes Benehmen (nach den Maßstäben der Zeit) geachtet haben. Zweihundert Jahre zuvor waren sich Römer und Goten zum ersten Mal auf dem Schlachtfeld begegnet. Ein römisches Erfolgserlebnis verbindet sich mit der Schlacht bei Naissus in Serbien. Nun kehrt ein Feldherr siegreich nach Rom zurück. Er humpelt und hustet. Er raucht und rumpelt. Er röhrt wie ein Hirsch, aber sein Kettenhemd gleicht einer Corsage. Er heißt (wie Shakespeare es wollte) Titus Andronicus, im Ballhaus Ost brennt die Luft. Ich kann mich an keine ebenso aufwendige Inszenierung vor Ort erinnern. Der bewässerte Burggraben schützt einen Herrensitz im Garagenstil - nicht Bauhaus, sondern Baumarkt. Titus lässt nach Art des Hauses den erstgeborenen Sohn der gleichfalls in die Sklaverei geführten Gotenkönigin Tamora schlachten. Das macht unheimlich Spaß. Das ist lecker. Erst mal Augen ausstechen - man ist zwar schon kultiviert, hat aber noch keine Affektkontrolle.

Tamora, die alte Trine, sinnt im Verein mit verbliebenem Nachwuchs und ihrem schwarzen Edelstecher auf Rache. Christophe Vetter spielt die Wachtel mit blauem Lack auf den Nägeln. Vetters anti-androgyne Spielform provoziert das Gelächter der Komödie und erinnert daran, dass zu Shakespeares Zeiten auch Frauenrollen von Männern gespielt wurden. 

Hanna Binder spielt Titus Andronicus im Ensemble der Berliner Theaterkompanie "Gold & Hiebe". Regisseurin Lucia Bihler beherzigt ein Wort von Friedrich Dürrenmatt:"Daß unsere Welt nichts als ein blutiges Schmierentheater ist."

Ihr Rom ist eine bigotte Veranstaltung, es herrscht Sodom & Gorgonzola in einem ewigen Nero am Tiber. Die Macht kommt aus den Gewehrläufen der Epoche. Schwerter zu Colts lautet eine Regieanweisung. In einer Showdownserie legt jeder jeden pompös um - gleich unter der Kurie fließt die Styx, der Fährmann (Christopher Heisler) sammelt die Leichen in Säcken. Er sieht selbst aus wie das Menschenopfer als Moorleiche oder wie ein trauernder Salamander.

Die Diskurslast des Stücks entlädt sich in pessimistischen Einschätzungen soweit es Gerechtigkeit betrifft. Ein Spitzbube im Amt möchte besonders teuflisch erscheinen. Er schaut bei Shakespeare nach, ob der ihm helfen kann. Das wird alles großartig gespielt, gespielt wird mit den Effekten ästhetischer Übersteuerung, weit weg von jedem Einwand, den man erheben könnte.

Gerüstet wie antike Navy Seals kehren die Sieger heim. Sie haben auch was Ägyptisches an sich. Sie können eine schicke Gebärdensprache. An der Assoziationsfront tobt der Bär, von Caligula bis Schneewittchen und den sieben Amazonen wird alles mitgenommen und dekorativ hingerichtet. Um im Beat des Dramas zu bleiben: Ein Kaiser stirbt, Titus könnte ihm auf den Thron folgen. Er ist bereits ausgerufen vom Tribun Marcus Andronicus, doch Titus bietet Kaisersohn Saturninus (Maike Schmidt) die Krone an und zudem seine Tochter Lavinia. Ein Apfel symbolisiert die höchste Reichswürde, immer wieder fällt der Apfel ins Wasser. Dann setzt die wilde Jagd ein und alle Sonntagsreden sind vergessen.

Kara Schröder spielt Lavinia. Sie macht ständig kurzen Prozess mit Shakespeares Versen. Der Text kracht gegen Mauern der Erwartungen. Schröder gibt Lavinia eine wegwerfende Art. Die Feldherrentochter ist einem jüngeren kaiserlichen Abkömmling versprochen, der Knabe heißt Bassianus (Anton Weil), sein Bruder Saturninus greift zur Gotenkönigin. Tamora bittet ihre Söhne Demetrius (Anton von Lucke) und Chiron (Harry Schäfer) darum, Bassianus kalt zu machen. Bassianus klingt wie Basti auf der Bühne und so possierlich, proper und apart wie ein Basti spielt Anton Weil seine Rolle.

Die Aufgabe erfüllt diese Brüder mit Eifer, ihre Schuld schieben sie in die Schuhe von Titus' Söhnen Martius und Quintus. Demetrius und Chiron knöpfen sich auch Lavinia vor, sie beschließt ihren Auftritt im Ballhaus Ost wie in Vorbereitung auf ein SM-Festival. In der historischen Wahrheit, für die niemand einstehen kann, wird Lavinia zwar übel zugerichtet, doch gelingt selbst ihr es (in ihrem bedauernswerten Zustand), Rache zu organisieren. Am Ende grassiert der Tod im Graben und der Applaus will nicht enden. "Ganz großes Tennis" sagt ein extra angereister Regisseur eine Reihe unter mir.

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