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Livekritik zu

Viel Lärm um Nichts

31.08.2013 - 31.12.2013 | Berlin / Schaubühne am Lehniner Platz
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Jamal Tuschick
am 20.09.2013

Die Schaubühne als Cabaret - Marius von Mayenburg setzt „Viel Lärm um nichts“ in die Kanonenboote des 20. Jahrhunderts

Das wuchtigste Ereignis der elisabethanischen Renaissance war die Zerschlagung der Armada. Sie beendete die spanische Vormachtstellung auf den Weltmeeren. Die maritime Suprematie ging über auf das Vereinigte Königreich. Britannia, rule the waves! Kein anderer Vorgang wirkte so stark auf die Zeit, in der Shakespeare wirkte. Trotzdem ist an keiner Werkstelle direkt davon die Rede. Es sind Spiegelungen der Großwetterlagen eines Jahrhunderts, „die das Material eines Schriftstellers bilden“. (Heiner Müller) Auch „Viel Lärm um nichts“ schert Sieg & Niederlage über den Epochenkamm. Der dramatische Horizont glüht noch in der Hitze einer geschlagenen Schlacht, im Schlepp heimkehrender Sieger beugt sich ein gefangener Renegat. Don John (Juan) ist Stiefbruder des triumphierenden Don Pedro. Seine Inferiorität steht ihm auf der Stirn geschrieben, sie stand schon in den Sternen vor seiner Geburt. Kleinwuchs bezeugt sie. Später, wenn die Macht zu ihrem Bestand Verbrüderung verlangt, heißt es folgerichtig: „Wir finden schon eine Frau in deiner Größe“.

Den mediterranen Spott hört man jedenfalls in Marius von Mayenburgs Inszenierung an der Berliner Schaubühne. Da spielt Robert Beyer in Personalunion den Geschlagenen alert als Frosch Kermit wie er sich sinister auf Rache sinnend in Nosferatu verwandelt - und den überlegenen Verwandten im Trikot der Tennisnationalmannschaft mit Spocks Ohren und Johnny Cash-Appeal.

Mayenburg lässt nichts aus: Vom Expressionismus über Elvis Presley bis zum Dinosaurier im japanischen Kino. Die Ikonografie des 20. Jahrhunderts liefert pophistorische Hintergründe in Einspielungen. Am Gegenwärtigsten wirkt die Vietnamkriegsfolklore der Streitmächtigen. Während ein Hippie-Reporter (the incredible Bernardo Arias Porras) mit der Peace-Rune am Revers - als ein Genie von schlaksigem Wesen - Bericht erstattet, explodiert das Bikini-Atoll auf einer Leinwand. Gastgeber und Gouverneur Leonato tritt als Conférencier mit Menjoubart auf. Man erwartet von ihm die „Cabaret“-Ansage: „Willkommen, bienvenue, welcome! / Fremde, etranger, stranger. / Glücklich zu sehen, je suis enchanté, / Happy to see you, bleibe, reste, stay“. Leonato singt aber nur Leonard Cohen’s „That’s how it goes everybody knows“.

Die Patina teilt Leonato mit der Kulisse. Auf der Bühne sieht es so aus wie in einem Universal-Studio vergangener Tage. King Kong steigt dem Empire State Building aufs Dach, Leonatos Tochter Hero in der samtweichen Klaue.

Kay Bartholomäus Schulze singt den Gouverneur, bis ihm das zu eintönig wird und er mit Strapsen Rollstuhl fährt. Ein Zuschauer empört das, er schreit „Klamauk“ und rennt wie bestellt aus dem Theater.

„Viel Lärm um nichts“ verdreht Vermutungen über die Liebe mit einem Draht aus bösen Absichten. Zwei Paare variieren das Thema in Prozessen ihrer Annäherung. Claudio hält Hero für eine gute Partie, um dann dem Anschein des Gegenteils zu erliegen. Benedikt und Beatrice erliegen Erwartungen ihres Milieus. Bis dahin beweisen sie Schlagfertigkeit. Sie überbieten sich im Ablehnungseifer. Nichts anderes sieht man in den Turbulenzen zwischen Eva Meckbach als Beatrice und Sebastian Schwarz als Benedick. Diese beiden haben Leidenschaft übrig füreinander. Sie suchen sich bei jeder Gelegenheit. Sie singen auch bei jeder Gelegenheit, in allen möglichen Klamotten auf alle möglichen Titanen anspielend. Sie prahlen mit ausbrechender Leiblichkeit, ich denke, solche Leute brauchen überhaupt keine Verse, um Worte zu haben.

Claudio (Moritz Gottwald) und Hero (Jenny König) bieten dazu eine Kinderbuchfassung für das Milchmädchen an. Bei ihnen geziemt sich alles im Tonfall abgewrackter Minne – bis zum argen Schluss in seiner Vorläufigkeit. Claudio will unberührt in die Ehe gehen, Hero findet, das kann so bleiben. Als ihre eigene Unschuld von Kermits Intrige in Frage gestellt wird, tobt sie los: „Sollte ich mich als verführt beweisen, will man mich bitte gemächlich auf den Tod foltern“.

Vermutlich kann man ein Thema von verblichener Relevanz gar nicht anders darstellen als mit dem humoristischen Klammerbeutel.

 

 Diese Rezension wurde am 04.09. auch auf KULTURA-EXTRA veröffentlicht.

http://www.kultura-extra.de/theater/feull/rezension_viellaermumnichts_sc...

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Shakespeare wäre zu RTL gegangen - so muss man das sehen, also liegt Mayenburg richtig.

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