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Livekritik zu

Fausts Verdammnis

23.02.2014 - 01.06.2014 | Berlin [ Charlottenburg ] / Deutsche Oper Berlin
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Horst Roediger
am 25.02.2014

Poetisch-dramatischer Bilderbogen

 

Johann Wolfgang von Goethes "Faust I", veröffentlich 1808, war folgenreich auch für die Opernbühne, wobei die Meinungen über die Angemessenheit dieser Umsetzungen im Heimatland des Dichterfürsten ziemlich geteilt waren. In der Historie der Uraufführungen steht Hector Berlioz mit "Fausts Verdammnis" von 1846 (in der konzertanten Fassung) sogar noch vor Charles Gounods Oper von 1859. Beide Werke erlebten in Paris ihre Premiere, während der "Mefistofele" von Arrigo Boito 1868 in der Mailänder Scala erstmals zu hören war. Der große Erfolg beim Publikum blieb Berlioz allerdings versagt, und auch der ersten szenischen Aufführung 1893 in Monte Carlo erging es nicht besser. 

 

Man kann also nicht sagen, dass die Deutsche Oper Berlin einen bequemen Publikumsrenner ins Programm hob, als sie die Premiere für die Saison 2013/2014 ansetzte. Desto freimütiger ist deshalb festzustellen, dass Regisseur Christian Spuck mit dieser Inszenierung eine durchweg überzeugende Darstellung von Berlioz' Szenenfolge gelungen ist, die sowohl optisch wie akustisch in 130 Minuten ohne Pause Auge und Ohr zu fesseln weiss.

 

Im Zuschauerraum beeindruckt zunächst Berlioz' Riesenorchester, das über den gewohnten Orchestergraben hinausflutet. Auf der Höhe der Bühnenrampe ist links die Riege der Flöten platziert, und rechts oben ziehen nicht weniger als vier Harfen die Blicke auf sich. Eine Stufe darunter haben bei Trompeten und Posaunen auch zwei Basstuben Platz gefunden, mit denen sich die abgrundtiefe Schwärze der Hölle unübertrefflich schildern lässt. Das gewaltige Orchester dient aber dank der souveränen Tonregie von Donald Runnicles an diesem Abend lediglich der Klangfarbe und nie der Lautstärke, die er bis zum absoluten Flüsterton abzusenken versteht. 

 

Im Inszenierungsteam ist Christian Spuck für Regie und Choreographie verantwortlich, für Bühne und die originellen, intelligent variierten Kostüme Emmy Ryott. Die große Drehbühne wird geschickt eingesetzt und trägt eine zeitweilig angekippte Scheibe, die gut ein Symbol für die gesamte Welt sein kann. Auf dieser Scheibe drei Versenkungen, die für  wirkungsvolle Auf- und Abtritte genutzt werden. Wo unter der gekippten Scheibe genügend Raum bleibt, lassen sich kleinere Spielorte unterbringen, etwa Auerbachs Keller oder Marguerites Zimmer. 

 

Faust ist in dieser Version von Anfang an in jugendlicher Hochform und bei Klaus Florian Vogt mit seinem hellen, klaren Tenor in besten Händen. Selbst heikle Hochton-Passagen meistert er bravourös. Er leidet auch nicht an unerfülltem Wissensdrang, sondern einfach an innerer Leere und bleierner Langeweile. Der Méphistophélès von Samuel Youn ist von Anfang an präsent und übernimmt die Rolle des großen Spielmeisters, der seine Geister nach Belieben rufen und nutzen kann. Clémentine Margaine singt Fausts Geliebte Marguerite mit instensivem, bisweilen dramatisch aufblühendem Mezzosopran. Tobias Kehrer glänzt in Auerbachs Keller mit Branders Lied von der fett gewordenen Ratte, und Mephisto kontert mit dem Song von der Karriere eines Flohs. Höhepunkt der Liedeinblendungen ist aber zweifellos Marguerites Ballade vom König von Thule, deren Textwiedergabe auf dem Projektionsschirm in Goethes deutschem Originaltext erfolgt. 

 

Eine Sonderstellung in dieser Kombinationsrevue aus Nummernoper und Oratorium haben die Tänzer und vor allem der von William Spaulding präzise einstudierte Chor, der noch durch einen Extrachor verstärkt wird. Beide Gruppen sorgen dafür, dass während der gesamten Spieldauer das szenische Geschehen fesselt und immer neue optische Überraschungen bietet, ohne überladen zu sein. Von den Tänzern bleiben besonders die beiden hochgewachsenen Pantomimen in Erinnerung, deren choreographische Skulptur eine Klammer zwischen dem ersten und dem letzten Bild bildet.

 

Die zutiefst liebende Marguerite muss nicht nur Spott und Häme ihrer missgünstigen Nachbarn erdulden, sondern sie wird schließlich als Mörderin ihrer Mutter abgeführt. Faust schließt erst jetzt seinen Pakt mit dem Teufel, um Marguerite aus dem Gefängnis zu befreien. Seine Seele gehört nun Mephisto, und er fährt buchstäblich zur Hölle, die optisch und musikalisch in den dunkelsten Tönen gezeichnet wird. Marguerite aber erfährt zu Harfenklängen die erlösende Verzeihung des Himmels, weil sie - eine sehr französische Interpretation- zu Lebzeiten "so sehr geliebt hat". 

 

 

Am Ende einhelliger Jubel für die Solisten, für Tänzer, Chor und Orchester, für Donald Runnicles ' Dirigat und sogar für Regie und Bühnenbild. Eine hauptstadtwürdige Aufführung ohne Mißfallenstöne. 

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