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Livekritik zu

WILDES BERLIN: Das tierische Hauptstadtmusical

30.09.2016 - 11.02.2017 | Berlin [ Kreuzberg ] / BKA Theater
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Frollainwunder
am 11.02.2017

ein oller mülleimer auf der bühne und eine im verhältnis große parkbank, görlitzer park abjehakt. buntes leben kommt in die theaterbude mit einer rasselbande tiere. da ist faye, die reinickendorfer proll-füchsin mit ziemlich viel wut im flauschigen bauch. sechser ist knickohr mr. kaninchen mit den kulleraugen hinter der nerdigen brille und dem schlauen herzen (sechser wohnt auf einer grünen kleinen verkehrsinsel in wilmersdorf in einem bau). ülker ist die gutmütige mütterliche türkentaube aus kreuzberg, die ins taubenhaus fliehen musste. waschbär wash aus seattle ist veganer und folgt dem trend ("wieviel wiegt ein hipster? ein instagram!"), es dinkelt stylish. was jeder so sucht, muss tier hier erstmal finden im müll der großstadt. "welcome in berlin - smells like urin!". mit dem lied geht es gleich rein ins musical und nach zwei stunden wieder mit dampf raus. die tiere markieren erst einmal ihr revier vor uns seltsamen menschen. nehmen uns aber offen mit in ihre berlin-biografien. wir kieken zu und dürfen uns auch amüsieren ohne aufdringlichkeiten. über einsichten und ansichten, putzige wahrheiten und weisheiten. wer sich vor musicals gewöhnlicherweise sträubt, wird hier nicht mit songs erschlagen, wer tiere nicht mag, hat hier eh nix zu suchen und wer sich ein tolerantes berlin wünscht, muss sich das wilde berlin definitiv ankieken. macht auch nicht nur einmal spaß, ist sich frollainwunder sicha.
füchsin, waschbär, herr kaninchen und frau taube fläzen auf der parkbank. man ist sich einig, tier will nen kick. eine tüte gras ist die antwort und der nächste morgen stellt tausend fragen. da liegt nämlich eine menschliche leiche rum (auf der bühne als riesen-turnschuh zu erkennen). wer macht denn sowas? faye flippt zudem aus, weil sie einen seltsamen geruch an sich feststellt. die einzelkämpferin hatte offenbar animalischen sex. ("ick bin faye, ick sag wer mich ficken darf, ick komm aus reinickendorf" rappt sie später fast tollwütig). herr kaninchen sechser hat nun aber blümchen in den augen und himmelt faye an. es war also offenbar auch noch liebe im spiel. faye ist angewidert. zumal sie bei sechser vorübergehend zur untermiete wohnen muss. da sagen sich eh schon fuchs und hase gute nacht. himmel. dass die anderen nun erstmal den mord aufklären wollen, kommentiert sie füchsin(kalt)schnäuzig mit "spielt ihr mal 3 nagezeichen!". der tiefsinnige humor schlängelt sich schlaudosiert durchs stück und amüsiert den ganzen abend. große kleinkunst!
die blonde konstanze kromer, die man von turbulenten theatersport-abenden im bka kennt, ist multipel besetzt als türkentaube, schwäbelnder prenzl-biber, süchtige 80ies-berberkatze bella und muss zweimal sterben. musical-smartie lars kemter tobt sich als schwuler waschbär und strammer polizeihund rex aus, und zeigt eine vitale bandbreite. musiker und schauspieler christian näthe gibt den drolligen kaninchenmann sechser, der unvablümt und tapfer seine gefühle zeigt, auch wenn er leiden wird. emma rönnebeck muss als füchsin faye die ganz knallharte geben und darf erst am ende ihre aggressionen loslassen und die einsamkeit beenden. was auch rührt.
der berliner autor robert löhr, jahrgang 1973, hat die figuren entworfen (gibts auch als buch bei be.bra) und wie schon beim wühlmäuse-musical "hammerfrauen" weiß er, wie man mit herz, schnauze und poppigem wortwitz unterhält. die großstadttiere spiegeln uns viel schlaues und gutes, aber auch die abgründe. "was will das tier in mir?" wird sich in einem song erschöpft gefragt. der krimi-plot entspinnt sich mit geschmeidigem tempo durch den abend und schäferhund rex, ein strammer ex-spürhund der polizei gerät ins animalische fadenkreuz. aber es wird auch traurig und die tiere menscheln plötzlich und wir zuschauer fühlen mit. am ende siegt die freundschaft und die toleranz und das zum glück ganz kitschfrei.
wenn dieses ausgefuchste hauptstadtmusical mal nicht berlin-kult wird!
 
(wieder ab 2.11. im bka-theater am mehringdamm und im februar und mai  2017)
http://www.bka-theater.de/content_start.php?id=438

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man sieht nur mit dem herzen gut - ein theater-musical, das kult werden kann

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