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Livekritik zu

Friedrich Liechtenstein: Bad Gastein

04.10.2014 | Berlin / RADIALSYSTEM V
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Frollainwunder
am 11.10.2014

im februar coolbrummte es noch über die werbekanäle "supersüß, supersexy, supereasy, supergeil, super leute, super leben, super love, supergeil". rauschebart friedrich liechtenstein schlenderte durch die regale eines supermarktes und prophezeite die totale begeisterung für diverse produkte in seiner ihm eigenen gemächlichen ekstase (er tanzte sogar schwebend). nach dem szene-hit gibt es nun sein drittes werk, ein konzeptalbum mit interpretationen zum österreichischen kurort bad gastein ("goldberg und hirsch").
im radialsystem am ostbahnhof wurde die gästeliste oft gezückt und das partyvolk mit hipster-touch, künstler-attitüde oder schlicht im kurort-wanderlook versammelte sich im clubbigen vorraum an der dunklen tür. die öffnete sich erst gegen 21 uhr (also eine affektierte stunde später als angekündigt). der ziemlich große saal des radialsystems füllte sich hektisch, auf den rot gepolsterten sitzbänken wurde es schnell eng. ein paar weiße stühle fanden sich noch in der letzten reihe. sicht gut, sound gut, erwartungshaltung hoch. 
und da ist er, im schwarzen anzug, weißem hemd mit rotem einstecktuch. hans holger friedrich alias friedrich liechtenstein, künstler/schauspieler/musiker aus dem ehemaligen osten, der nun das berliner zentrum der gemütlichen coolness darstellt. mal eben weltfrieden erzeugen mit einem sonoren brummen, den huldvoll gestreckten armen, dazu ein kleiner galanter hüftschwung und es swingt sofort von der bühne.
erst einmal etwas aus dem bereich easy listening (dabei veröffentlicht er bei heavy listening). arnold kasar am klavier, friedrich am mikro und der song "schönes boot aus klang" wird dosiert performt. es folgen ein paar frühere kunstwerke wie "dolphin man" (2003 im prater aufgeführt). dazu schnalzt und gurrt er wie ein edler meeressäuger. dann erklingt debussys musik zu "vorspiel zum nachmittag eines faunes" und der königsfaun aus mitte erzählt von seiner feudalen dachterrasse (gesponsert vom brillenhersteller, der ihn modeln und wohnen lässt). von der sieht man das sagenumwobene soho-haus mit dem öden pool und kann so schön vor-sich-hin-duschen und so entkleidet er sich langsam und mit galanter note und tänzelt in boxershorts zu einer eher spartanischen bühnenshowerversion. das getänzel geht weiter (friedrich performt vollendet nuancen der modernen kunst von sasha waltz) und dann ist erst einmal pause. das partyvolk holt nachschub an der bar.
gegen 22 uhr folgt die exklusive aufführung des konzeptalbums "bad gastein", das es am eingang auch als vinyl gibt. per videokunst plätschert ein dynamischer bergbach, ein kleines orchester gruppiert sich auf der bühne und die ersten klänge erfüllen uns. der bärtige, stets sonnenbebrillte klimperkönig hat sich in einen metallisch glänzenden bademantel gehüllt (statt sakko). diese seine stimme ist so wunderbar: sounds like a guru, like a meditatives brummen. die songs entfalten sich stück für stück, sind klangperlen, sind groove-voll, surren sich in herz und seele und machen frifrafroh. im publikum wird zaghaft rumgezappelt, zumindest in den schultern mitgeswingt. immer wieder musikalische entschleunigungsmomente mit friedrich von kunst-kur-ort gastein. hipster-hektik-berlin darf mal durchatmen.
aber unser neuer guru kann auch dancyfunkygroovy. bei "elevator girl" räkeln sich poppig zwei background-babes in dunkelgrünglitzer zu seinem entschlossenem statement "hold me in your arms, radio activity, lift me up, elevator girl, its me!". synthie-disco-kugel-glam-faktor inklusive. ebenso "belgique, belgique", bei dem er sich zeit nimmt seine fiktive biografie zu sprechsingen. bei "kommissar d'amour" schmelzen auch die holden damen in seiner altersklasse (58) zärtlich dahin. das cover von "they long to be close to you" von den carpenters kürt ihn zum king of schmusemucke (fehlt nur noch eine zufriedenschnöselige perserkatze in seinem arm wie im supergeil-video).
gegen 23 uhr hat es sich ausgebrummt, könig friedrich winkt uns huldvoll und lässt es noch einmal krachen mit disco-sound zu "sparkling love". yeah! will man sich sofort runterladen.
metallischer groove, sonorer flausch. ein totales wohlfühl-konzept-konzert war das ohne konzept-krampf.
danach erwischen wir ihn noch im partyvorraum für ein schummeriges selfie. die aftershow-rumsteh-party geht noch lange, die gläser klingen, aber natürlich nicht so schön wie die unverzichtbaren songperlen des heimlichen und nun offiziellen berliner discokönigs! 
 

Besucherfazit

der supergeile supermarkt-king ist auch ein elegant groovender disco-king

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