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Livekritik zu

Peter Grimes

09.11.2013 - 09.05.2014 | Hildesheim, Hameln
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Der Opernfreund
am 28.03.2014

Es gibt im Leben die glücklichen Fälle, so das Erlebnis am 22.11.2013 nicht nur den Cäcilientag (Schutzpatronin der Musiker), sondern auch den 100. Geburtstag von Benjamin Britten am Stadttheater Hildesheim mit einer berührenden Aufführung von dessen Oper "Peter Grimes" begehen zu können. Wahrlich kein kleines Stück für ein Theater dieser Größe, doch in Hildesheim hat man auch schon hervorragend solche Brocken wie "Aida" oder "Meistersinger" gestemmt, nachdem die alten Jubilare mit Neuproduktionen von "Holländer" und "Falstaff" abgefeiert wurden, jetzt also der junge Komponistenspund. In diesem Zusammenhang konnte man übrigens auch Brittens Kinderoper "Noah" in Zusammenarbeit mit der Musikschule und im Orchesterkonzert das Requiem erleben, ein imposantes Programm. Doch zurück zum Grimes: der belgische Regisseur Frank van Laecke  legt gleich bei seinem Debut am TfN einen beeindruckenden Einstand vor. Laecke läßt, im wahrsten Sinne des Wortes, die Kirche im Dorf und inszeniert einen nahezu klassischen "Peter Grimes". Schon die Ausstattung von Philippe Miesch besticht durch Schlichtheit und trotzdem optische Opulenz, schwarzdunkle Backsteinmauern können die Szene einengen, wie auch auf verschiedene Arten öffnen, ein abstrakter Hintergrund suggeriert die Elemente Wind und Wasser und mittels viel Bühnennebel und einer sehr ausgefeilten Beleuchtung werden die unterschiedlichen Szenen in sehr atmosphärische Bilder gesetzt. Die Menschen des Fischerdorfes tragen zeitlose, berufbedingte Kleidung, die mit Dreckspritzern die Einfachheit dieser geschlossenen Gesellschaft wiederspiegelt, wenige Abweichungen in den Kostümen weisen treffend auf die einzelnen Charaktere. Realismus der schonungslosen Art ist angesagt und immer wieder wird der einzelne Mensch gegen die Dorfgemeinschaft gestellt.

Mit Hans-Jürgen Schöpflin konnte ein ausgewiefter Britteninterpret gewonnen werden, man erinnert sich an den feingeistigen Aschenbach aus dem "Tod in Venedig", hier jedoch ein ganz anderer Charakter, der ohne Rücksicht auf die Stimme ausgelotet wird, ein Grimes der unsympathischen Art, flankiert von seinen Todesengel, den toten Lehrbuben, die auch an das Kind "Peter" erinnern, das der verhärtete Mann einmal war. Besonders schön klingen bei Schöpflin die lyrischen Momente, die "Plejadenarie", die Vision vom besseren Leben und das in den Wahnsinn abgleitende Ende. Ihm zur Seite ein Prachtkerl von Bassbariton, Albrecht Pöhl als Kapitän Balstrode, besser kann man diese Rolle nicht gestalten; und die lieblichstimmige Ellen Orford von Isabell Brinkmann, die in ihrer traurigen Resignation schon ein ganz eigenes Drama bietet. Das große Ensemble steht Kopf an Kopf mit den drei Protagonisten: der saftige Mezzo von Christina Baader als Tantjen (Auntie), die armen Luder Regine Sturm und Stephanie Lönne als Nichten, selten sieht man das so trostlos gespielt. Shauna Elkin-Held als Mrs. Sedley mit ausdrucksvollem Mezzo Opfer und Täter zugleich. Uwe Tobias Hieronimi mit fanatischem Tenor als Prediger Swallow, der intrgante Bob Boles von Jan Kristof Schliep, Pastor Adams von Konstantinos Klironomos, Peter Frank als Ned Keene und nicht zuletzt das Hildesheimer Urgestein Piet Bruninx als Jim Hobson, sie alle haben ihren nicht geringen Anteil am geschlossenen Erfolg dieser Aufführung.

Dazu kommt der wirklich groß besetzte Chor und Jugendchor des TfN, klangvoll in der Massierung, dabei jeder ein Darsteller eines einzelnen Charakters innerhalb der Gruppe, grandios. Ebenso großartig spielt das Orchester unter Leif Klinkhardt auf, eigentlich staunt man ob der Perfektion, die man an solch kleinem Haus gar nicht vermutet. Klinkhardt weiß genau um die Tiefen und Untiefen von Brittens Partitur, da findet alles seinen rechten Platz, das Leise, das Verträumte, das Elementare. Die Kammermusik und das große Sinfonische, es ist halt auch fantastische Musik. Da würde sich mancher Kinofilm solch einen spannenden "Soundtrack" wünschen, zumal so spannungsgeladen gespielt. Einziges Manko ist die zeitweise Textunverständlichkeit, gerade wo die Aufführung doch in deutscher Neuübersetzung des hauseigenen Gmd Werner Seitzer stattfindet. Nichts ist eben perfekt.

Doch die Aufführung als solche ist aus einem Guss, deshalb ein mehr als warmherziger, sehr ausgiebiger Schlussapplaus im gut besuchten Haus. Für Britten ein echtes Geburtstaggeschenk.

Martin Freitag

deropernfreund.de

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