Overlay
Livekritik zu

Julia - Dokumentarfilm

24.10.2013 - 26.10.2013 | Berlin / Moviemento Kino Berlin
« zurück zur Veranstaltungsseite
Daniel Anderson
am 25.10.2013

Wie verstörend kann ein Dokumentarfilm sein, wie verstörend MUSS ein Film sein, der das Porträt eines verstörten, verstörenden, sich selbst zerstörenden Menschen ist? 

Julia,  die in einem früheren Leben ein Mann war, lebte quasi illegal in Deutschland. Von einem 'Freund' wurde sie für damals noch 50 Mark an einen Zuhälter in Deutschland verkauft. Aus Litauen kam sie in den 90er Jahren nach Berlin, schaffte in einem Puff an und begann irgendwann auf eigene Rechnung auf der Straße zu arbeiten. Alkohol und Drogen als ständige Begleiter, ebenso wie die Angst vor Banden, die das Geschäft kontrollieren wollen und jede(n) krankenhausreif schlagen, der nicht zu ihrem Clan gehört. Julia findet Unterschlupf bei einem Mann, der sie in Ruhe lässt, aber Julia ist nicht dankbar, Julia ist zwischen ihren Drogen- und Alkoholexzessen rotzig, egoistisch und parasitär. Sie schlägt mit Worten um sich und jedes Wort ist eine Ohrfeige, eine Ohrfeige für ihre Mutter, für ihren Vater, für ihre Freier, für das Leben, das sie führt. Und immer noch ist sie auf der Straße, überlebt eine Dosis Rattengift, die ihr ein Freier verabreicht und macht trotzdem weiter. Julia weiß das alles, wenn sie sagt, dass sie nichts aus ihrem Leben gemacht, es weggeworfen hat und sich vor dem Friedhof in Klaipeda in Litauen, auf dem ihr Großvater beerdigt ist, in die Hosen macht vor Angst, ihm gegenüber zu treten. Julia weiß, wie es um sie steht, dass ihr Leben gelebt ist. Was sollte da noch kommen? Sie ist jetzt 31, abgemagert, ausgezehrt steht sie nach der Vorführung neben der Regisseurin. Auf die Frage, aus dem Publikum, was sie denn jetzt gerade machen würde, sagt sie, dass sie sich jetzt um den Mann kümmert, bei dem sie seit 7 Jahren wohnt. Er ist schwer an Demenz erkrankt und Julia ist der einzige Mensch, der sich jetzt um ihn kümmert.

Johanna Jackie Baier begleitet Julia 10 Jahre auf ihrem Weg durch ein zerstörendes Leben. Wie die Regisseurin das macht, verdient nicht nur Respekt, sondern daneben eine tiefe Verbeugung vor ihrer Kunst, diesem Leben ein Denkmal zu setzen. Niemals greift die Kamera frontal an, die Montage kommentiert nicht, schafft aber in jedem noch so kleinen Raum über eine Athmosphäre von Klaustrophobie und Dunkelheit reichlich Raum für Assoziationen. Die Interviews sind zurückhaltend, nicht suggestiv, nicht desavouierend, kein Voyeurismus. Selbst in der Szene, in der Julia in einem Auto einen Freier 'bedient', kommt nicht das Gefühl von Peinlichkeit auf, obwohl jeder meter Film wehtut. Die starken Bilder mit einem fast überrealistischen Ton fahrender Züge und Autos strukturieren neben der Chronologie den Film in ein Gesamtkunstwerk. Darüberhinaus ist der Mut und die Durchhaltekraft Baiers mehr als zu loben, die diesen Film quasi im Alleingang lange Zeit allein gestemmt hat, ehe sich die Förderung, die mit vielen "Keinohrhasen" und "Männerherzen" bis jetzt genug zu tun hatte, bequemte, in das Projekt der Regisseurin einzusteigen. Baier hat nach "House of Shame" einen tatsächlich auch hochpolitischen Film gedreht. Sie gibt einer Paralellgesellschaft eine Stimme und vor allem ein Gesicht gibt.

"Niemand kann gezwungen werden, sein Talent zu nutzen, es gehört einem selber und man darf es auch wegschmeißen, so wie Julia es getan hat", sagt die Regisseurin.  Das ist die Dimension, die über das Sujet hinausweist. Wie geht die Gesellschaft mit Verweigerern um, mit Menschen, die einen anderen Lebensplan haben, die sich entschieden haben, ein Schattendasein zu führen? Spricht die durchökonomisierte Gesellschaft denen, die nicht in diesem Sinne funktionieren, das Recht auf Menschsein ab? 

Der Film lief sehr erfolgreich auf dem Filmfestival in Venedig und wird nach den Berliner Vorführungen beim SCONORMA-Festival in Vilnius gezeigt. Ab März soll der Film auch in die deutschen Kinos kommen. Baier, die den Film unter Mühen und oft am Rande der Existenz fertiggestellt hat, viel zu oft ihr gesamtes eigenes Geld, dass sie mit verschiedenen TV-Serienprojekten verdient hat, in das Projekt steckte, sind viele Zuschauer zu wünschen und vielleicht 'erbarmt' sich ein Sender und kauft den Film, wichtig wäre das allemal.

Der Film läuft noch am 26.10.2013, um 15.00 Uhr im Rahmen des 8.Pornfestivals im Movimento, Kottbusser Damm 22. Flankiert wird die Vorführung von einer Ausstellung mit fotografischen Arbeiten der Regisseurin  SomoS-Arts, Kottbusser Damm 95.

www.julia-der-film.de

Besucherfazit

Absolut sehenswerter, wichtiger Film

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre

Medien von Daniel Anderson

Julia - ein Film von J.J.Baier
0 von 0 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
JaNein

Kritikerblog

© Foto: Schreibmaschine © Museum für Kommunikation Berlin, Foto: Michael Ehrhart
Livekritik.de erhaschte mit Twitterern und Bloggern einen Blick in die Schatzkammer des Museums für Kommmunikation BerlinDort wo es kühl und dunkel ist, fühlen sie sich am wohlsten. Die Rede ist mehr

Zuletzt aktive Livekritiker

  • A.-K. Iwersen
  • august14979
  • Dessau
  • Marie Golüke
  • Sabine Lenz
  • Peter Freudenreich
  • Klaus
  • Kevin
  • werkstadt
  • Clarissa Kruppke
  • cgohlke
  • Stefan Bock
  • Sarah Divkovic
  • kokoloco
  • Elena Artemenko
  • Stefan Grosse
  • Berlinerin63
  • අමරවිර අන්නා
  • Theaterguide
  • Nicole Haarhoff
  • nay_

Für Freikarten und Kulturtipps

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!