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Livekritik zu

Salzburger Festspiele 2015

18.07.2015 - 30.08.2015 | Salzburg / Salzburger Festspiele
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cgohlke
am 18.08.2015

Ein Haifisch ohne Zähne

Julian Crouch und Sven-Eric Bechtolf ziehen in Salzburger der „Dreigroschenoper“ den Zahn

 

Kim H. Kowalke, Präsident der Kurt Weill Foundation, legt im Programmheft zur Salzburger „Dreigroschenoper“ penibel dar, wie strikt Kurt Weill darauf geachtet hat, dass seine Musik bei Aufführungen genau so gespielt wird, wie er sie komponiert hat. Er scheute weder Mühen noch Kosten, um durchzusetzen, dass sein Wille eingehalten wurde. Wie recht er damit hatte, beweist nun die Salzburger Inszenierung, die als „einmaliges Experiment“ vom Stiftungsrat der Weill Foundation, die seit dem Tod von Weills Ehefrau Lotte Lenya im Jahr 1981 die Rechte an Weills Werken innehat, eine Genehmigung dafür erhielt, die Musik neu zu instrumentieren. Darum heisst der Festspielabend in der Felsenreitschule auch nicht „Die Dreigroschenoper“, sondern „Mackie Messer“.

Martin Lowe, erfolgreich zum Beispiel als Arrangeur für ABBAs „Mamma Mia“, hat sich der Aufgabe angenommen, Weills Musik zu bearbeiten und neu zu instrumentieren. Dem Stück, der „Dreigroschenoper“, ist das nicht gut bekommen. Lowes neues Arrangement nimmt der Weillschen Musik alle Kanten, alles Widerständige und rückt sie ungut  in die Nähe von Musicals oder Revuen. Es kommt hinzu, dass das auf um Keybords ergänzte und insgesamt erweiterte Orchester zwar live unter der Leitung von Holger Kolodziej spielt, aber technisch verstärkt wird und darum noch synthetischer, süßlicher, kitschiger klingt als in dieser neuen Fassung ohnehin. Dieser Effekt wird noch verdoppelt, indem auch die Schauspieler den ganzen Abend lang durch Mikrophone verstärkt werden. Natürlich ist die Felsenreitschule groß und akustisch nicht besonders dankbar. Die ständige Verstärkung nimmt dem Abend aber auf merkwürdige Weise jede Schattierung. Die Stimmen, die von einer großen Anlage über der Bühne kommen, lassen sich nicht mehr verorten. Alles klingt gleich nah oder gleich fern.

Aber es liegt nicht nur an der weichgespülten Musik und an der technisch unguten Verstärkung, dass dieser Theaterabend ohne Charme, Esprit und Witz dahindümpelt und sich gut drei Stunden lang qualvoll in die Länge zieht. Die beiden Regisseure Crouch und Bechtolf haben sich zu wenig darum bemüht, den Figuren des Stücks scharfe Profile zu verleihen. Michael Rotschopf ist als Macheath eine vollkommene Fehlbesetzung. Weder die erotische noch die kriminelle Energie, über die Macki Messer doch verfügen sollte, glaubt man ihm. Aus Peacham wird bei Graham F. Valentine in dieser Aufführung die fragwürdige, da unmotivierte Karikatur eines raffgierigen Juden, wie sie drastischer im „Stürmer“ kaum sein könnte. Sonja Beisswenger gibt seine Tochter Polly als törichte Nervensäge, und Pascal von Wroblewsky agiert als Frau Peacham im ausschweifenden Kostüm des späten 19. Jahrhunderts wie eine von Dickens entworfene Figur. Kurzum: Die Überzeichnungen sind so arg, dass sie sich der Parodie nähern. Schade um die vertane Chance. Dieses Experiment ist gescheitert. Wie gut, dass es schon im Vorfeld als „einmalig“ angekündigt worden ist.

 

Salzburg, 13. August 2015

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Zahnlos und langweilig

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