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Livekritik zu

Arabella

06.07.2015 - 14.07.2015 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 15.07.2015

Der Richtige, wenn’s einen gibt

„Araballa“ bei den Opernfestspielen in München

Glücklich war Richard Strauss mit dem Libretto zu „Arabella“ von Anfang an nicht. Wer den Briefwechsel zwischen dem Komponisten und seinem Dichter Hugo von Hofmannsthal liest, findet immer wieder große Vorbehalte gegenüber dem Text. Dramaturgisch schlecht gebaut, ohne rechten Konflikt, uninteressante Figuren,  das sind Einwände, die Strauss immer wieder erhob. Zu einer gründlichen Revision des Librettos kam es indes nicht mehr. Gerade einmal den ersten Akt konnte Hofmannsthal noch überarbeiten. Dann starb er überraschend am 15. Juli 1929, und Richard Strauss hat sich dafür entschieden, den Text so, wie er war, zu vertonen. Leicht gefallen ist ihm das nicht. Erst 1933 war Uraufführung in Dresden und kurz darauf in München. Dort gehört die „Arabella“ seither fest zum Repertoire des Hauses. Jetzt hat Andreas Dresen die Oper für die Festspiele neu inszeniert. Premiere war am 6. Juli.

Wie erzählt der Filmregisseur Andreas Dresen diese krude Geschichte, die im Wien der 1860er Jahre spielt? Zunächst einmal verlegt er die Handlung in die Entstehungszeit der Oper, also in die späten 1920er und frühen 1930er Jahre, was vor allem an den Kostümen von Sabine Greunig erkennbar wird. Die prägenden Farben – schwarz, weiß und rot – verweisen vage auf die Farben der Hakenkreuzfahne. Zwei ineinander geschlungene Treppen, die der Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau für den 2. und 3. Akt geschaffen hat, erinnern überdies an das fatale Symbol. Ballgäste in schwarzer Uniform ergänzen den Eindruck. Andres Dresen verweist in seiner Inszenierung also auf die Rezeption der Oper durch die Nationalsozialisten. (Jürgen Schläder hat dazu im Max-Joseph-Heft einen ausführlichen Artikel publiziert). Aber solche Verweise wären doch nur sinnvoll, wenn in der „Arabella“ etwas von dem präfiguriert wäre, was später schreckliche Wirklichkeit wurde. Davon kann indes kaum die Rede sein. Hinzu kommt, dass Andreas Dresen die Figuren der Oper, handwerklich durchaus solide, eher konventionell anlegt, so dass der Zeithintergrund, den er für seine Inszenierung wählt, nur an der Ausstattung deutlich wird. Die kleine Orgie, die Dresen ein wenig mühsam während des Fiakerballs auf der Treppe inszeniert, ändert daran gar nichts. Nein, diese Idee, sie war nicht die richtige für diese Oper.

So schal der Eindruck ist, den die Inszenierung hinterlässt, so glücklich kann man mit der Besetzung dieser Neuproduktion sein. Doris Soffel und Kurt Rydel agieren als verarmtes Grafenpaar das Operettenhafte ihrer Partien mit großer Stimme und oft konvulsivischen Bewegungen lustvoll aus („Theodor, welch ein Wendung!“ – „Kolossal!“). Derjenige, der wie im Märchen die Not der Familie schließlich behebt, Madryka, bringt bei Thomas J. Mayer wirklich eine „eigene Lebensluft“ mit sich. Sein eher weicher, sehr schön timbrierter Bariton könnte zwar manchmal (etwa im 2. Akt, wenn Madryka in Zorn und Eifersucht ausbricht) kraftvoller sein, aber seine Stimme bleibt immer geschmeidig und klangvoll. Anja Harteros war eine umjubelte Arabella. Sie passt stimmlich, aber auch darstellerisch ideal zu dieser Partie. Ihr leuchtender Sopran, der nur manchmal in den Höhen etwas rauh klang, ist farbenreich und höchst differenziert im Ausdruck. Aber auch Zdenka ist mit Hanna-Elisabeth Müller hervorragend besetzt. Ihre ganz klare, helle Stimme passt wunderbar zu dieser Partie, die sie außerdem in den ersten beiden Akten knabenhaft genug darzustellen fähig ist. Nur den Matteo, den sie liebt und schließlich durch eine List für sich gewinnt, hätte man sich von Joseph Kaiser kraftvoller gewünscht. Sein Tenor verrät hier einige Mühe. Hervorragend zusammengehalten wurde ein großes Ensemble von Philippe Jordan, der die Rafinessen der Partitur mit dem brillanten Staatsorchester herrlich entfaltet, die Sänger nie zudeckt und doch akzentreich und kraftvoll musiziert. Die schönen Stellen, von denen gerade diese Oper doch lebt, weiß er auszukosten. Kurzum, er ist der Richtige für diese Oper.

München, 14. Juli 2015

 

 

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Glänzend musiziert, ordentlich inszeniert

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