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Livekritik zu

Carmen

29.01.2013 - 06.02.2013 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 21.12.2014

Durchglüht

Bizets „Carmen“ an der Bayerischen Staatsoper

Zwei Vorbilder nennt der in Israel geborene Dirigent Omer Meir Wellber: Leonard Bernstein und Jewgenij Mrawinskij. Zwei Extreme also, steht der eine doch für genialisches, spontanes Musizieren, der andere hingegen für akribische Genauigkeit. Bei einer Aufführung der „Carmen“ im Münchner Nationaltheater gelingt es Omer Meir Wellber, beides miteinander zu verbinden. Seine Gesten sind präzise und klar, dann aber immer wieder ausladend und geradezu beschwörend. Das Staatsopernorchester lässt sich davon mitreißen, und die Zauschauer erleben eine von Anfang bis zum Ende durchglühte Aufführung.

Noch bevor man sich recht gesammelt hatm gibt Omer Meir Wellber, der unbemerkt zum Dirigentenpult schlich, den Einsatz zur überaus kraftvoll musizierten Ouvertüre, die manchen Zuschauer hochschrecken lässt. Dass es sich dabei nicht um eine wohlfeile Überrumpelungstaktik handelt, sondern um den Ausdruck geballter Energie, erhellt im Laufe des Abends. Farbenreich, mit Atmosphäre und großer Sensibilität leitet der Dirigent die Aufführung. Die Sänger weiß er souverän zu führen.

Ein stimmiges, junges Ensemle steht auf der Bühne der Staatsoper. Golda Schultz gibt mit einer klaren, sicher geführten Stimme eine zarte Micaela, die vor allem mit ihrer großen Arie im vierten Akt „Je dis que“ begeistert. Sie ist stimmlich und darstellerisch ein hervorragendes Gegenstück zur Carmen der Clémentine Margaine. Sie spielt eine lebenslustige, unberechenbare Zigeunerin, ohne dabei allzu schlimme Stereotype zu bemühen. Sie verführt vor allem mit einer sinnlichen, dunkel timbrierte Stimme, die sie herrlich aufblühen lassen kann. Kein Wunder, dass José ihr verfällt. Younghoon Lee wirkt zunächst unbedarft und blass, was ja zur Rolle gar nicht schlecht passt. Der zurückhaltende einfache Soldat gerät mehr und mehr in Carmens Bann. Hinreißend gelingt Younghoon Lee und Clémentine Maraine die Szene zum Schluss des ersten Aktes, in der sie ihn dazu beredet, ihre Fesseln zu lösen. Große Dramatik auch im Schlußduett. Sicher ist Younghoon Lee kein großer Schauspielkünstler. Seine Stimme hat aber enorme Kraft und Dramatik und scheinbar unendliche Reserven. Da macht es nicht viel, dass Lina Wertmüllers Inszenierung aus dem Jahr 1992 eher statisch wirkt und von ausgefeilter Personenregie nicht allzu viel weiß. An den bunten, folkloristischen Kostümen Enrico Jobs kann man sich erfreuen. Auch das von ihm entworfene naturalistische Bühnenbild ist – abgesehen von einem hässlich gelben Himmel – dekorativ anzusehen. Großen Jubel gab’s am Schluss der Vorstellung: Für großartige Soliten, einen starken Chor (besonders schön sang der Kinderchor im ersten Akt) und vor allem für den Dirigenten Omer Meir Wellber, unter dessen Leitung die „Carmen“ zum Ereignis wurde.

 

Nationaltheater München

19. Dezember 2014

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