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Livekritik zu

Andrea Chénier

30.03.2017 - 02.04.2017 | München / Bayerische Staatsoper
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cgohlke
am 01.08.2017

La mamma morta

„Andrea Chénier“ bei den Münchner Opernfestspielen

 

Zum Abschluss der diesjährigen Münchner Opernfestspiele gab es in der Bayerischen Staatsoper eine vorzüglich besetzte Aufführung von Umberto Giordanos Oper „Andrea Chénier“ zu sehen. Besonders ist diese Produktion, die im März Premiere feierte, schon deshalb, weil der Regisseur Philipp Stölzl sich dafür entschied, das Stück tatsächlich dort spielen zu lassen, wo und es laut Libretto angesiedelt ist: In Paris zu Zeiten des späten 18. Jahrhunderts, zu Zeiten der Revolution. Die Produktion ist aufwendig, da sie nicht in einem Einheitsbühnenbild spielt, sondern die Szenerie mehrfach wechselt (Bühne: Philipp Stölzl und Heike Vollmer). Der Raum bildet die Gesellschaftsstruktur nach, indem die sozialen Schichten vertikal geordnet sind: Unten die Armen und Machtlosen, oben die Reichen und Mächtigen. Dabei zeigt Stölzl, dass sich durch die Revolution zwar die Machtverhältnisse ändern, nicht aber die grundsätzliche Struktur: Auch nach dem Umsturz, als der Adel entmachtet und die Revolution gesiegt hat, bleibt es dabei: Oben sitzt nun der Revolutionär und frühere Diener Gérard, unten im Kerker werden die Gefangenen verhört, die ins Räderwerk des Umsturzes geraten sind. Eine einleuchtende Idee des Abends, der abwechslungsreich ist und außerdem schön anzusehen dank der historisierenden Kostüme von Anke Wickler.

Musikalisch profitiert die Aufführung von Omer Meir Wellber am Pult des Staatsorchesters, das unter seiner Leitung ungemein kraftvolle Akzente setzt und einen Farben- und Nuancenreichtum entfaltet, der kaum zu überbieten sein dürfte. Omer Meir Wellber bringt mit seinen ausladenden, leidenschaftlichen Gesten das Orchester immer wieder zu einer glühenden Intensität. Man fragt sich, wie wohl ein „Tristan“ unter seiner Leitung klänge und freut sich auf die „Carmen“, die er im kommenden Oktober an der Staatsoper leiten wird.

Liebling des Publikums war aber Annja Harteros. Sie wurde für ihre Leistung in der Partie der Maddalena stürmisch gefeiert. Tatsächlich ist sie seit der Premiere noch in die Rolle hineingewachsen. Ihre Höhen sind makellos schwebend, ihre Lagatobögen von großer Eleganz, ihre Ausdruckskraft enorm. Höhepunkt des Abends war ihre vom Cello wundervoll cantabel eingeleitete Arie „La mamma morta“, die sie ganz dem Text verpflichtet gestaltete. Die Intensität des Ausdrucks verschwisterte sich dabei mit einer kaum zu überbietenden Schönheit des Gesangs. Die Partie des Gérard hat kurzfristig Ambrogio Maestri übernommen. Sein kraftoller und doch geschmeidiger Bass passt musikalisch vorzüglich zu dieser Rolle. Darstellerisch wirkt Maestri aber zu gemütlich, als dass man ihm den Revolutionär so recht glauben könnte. Jonas Kaufmann gab wie schon im März die Titelpartie des Andrea Chénier. Er hatte leider keinen glücklichen Abend. Seine wohl noch ein wenig dunkler gewordene Stimme klang rau und angestrengt, manachmal sogar brüchig. Mit Doris Soffel als eitle Gräfin Coigny und Elena Zilion als alte Madelon waren die kleineren Partien sehr gut besetzt. Ein gelungener Abend zum Abschluss der Spielzeit. Großer Beifall.

München, am 31. Juli 2017

Besucherfazit

Gelungener Saisonabschluss

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