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Livekritik zu

Endspiel

12.07.2017 | Wien / Akademietheater Wien
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cgohlke
am 12.07.2017

Theater, auf seine eigenen Mittel reduziert

Dieter Dorns Inszenierung von Samual Becketts „Endspiel“ am Akademietheater Wien

 

„Ich glaube nicht an eine Kollaboration der Künste“, schrieb Samuel Beckett im Januar 1951. Er wolle ein Theater, „das auf seine eigenen Mittel reduziert ist. Wort und Spiel, ohne Malerei, ohne Musik, ohne Gefälligkeiten“. Überdies müsse das Bühnenbild „aus dem Text hervorgehen, ohne irgendwelche Zutaten.“

Dieter Dorns Inszenierung von Becketts Stück „Enspiel“, die im vergangen Sommer bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte und seit September im Wiener Akademietheater zu sehen ist, verwirklicht diese Vorgagen ziemlich konsequent – und schafft damit einen Theaterabend, wie es ihn in der gegenwärtigen Theaterlandschaft kaum mehr gibt. Theater, auf seine eigenen Mittel reduziert – das erfordert genaue Textausdeutung und natürlich exzellente Schauspieler und überdies ein Publikum, das fähig ist, sich mehr als zwei Stunden lang zu konzentrieren.

Mir war die Aufführung im Akademietheater Ende Juni eine Wohltat. Dieter Dorn nimmt den Text ungemein ernst und fördert gerade dadurch die Komik, die so vieles von dem vorwegnimmt, was man später von Thomas Bernhard kennt, zu Tage. Nicholas Ofczarek verfügt als Hamm über eine beeindruckende Variationsbreite von Ausdrucksmöglichkeiten: herrisch, larmoyant, bösartig, selbstgefällig und anmaßend, Ofczarek bringt diese Facetten durch seine Sprechkunst zum Leuchten, wobei Manierismus sozusagen zur Sache gehört und gelegentliche Textunsicherheiten nicht weiter ins Gewicht fallen. Der plüschige rotsamtene Sessel, auf den der Bühnenbildner Jürgen Rose Hamm setzt, gleicht einem Thron, von dem herab eine greise und machtlos gewordene Majestät seine letzten Befehle erteilt und dabei, Geschichten erzählend, eine eigene Welt erschafft. Und der Clov des großartigen Michael Maertens erinnert schon durch seine übergroßen Filzpantoffeln an einen traurigen Clown. Unermüdlich gehorcht er den Befehlen seines Herrn, ohne selbst zu wissen, warum. Als Zuschauer folgt man Michael Maertens gebannt. Jede Geste, jeder Blick wird bei ihm zum Ereignis. Wundervoll sind außerdem die beiden Alten besetzt. Joachim Bißmeier ist als Nagg hauptsächlich am Essen interessiert, seine Frau Nell schwärmt in Erinnerungen an alte Tage am frühlingshaften Comer See. Beide liefern ein glaubhaftes und darum anrührendes Portrait eines alten Paares, dem nichts bleibt als Kreatürlichkeit und Erinnerung.

Was Theater sein kann und was es heute viel zu selten ist, das zeigt dieser wunderbare Abend eindringlich: Wort und Spiel. Und mehr bedarf’s nicht.

Wien, 30. Juni 2017

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Theater, wie es sein soll

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Titel: 
Endspiel
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Ort: 
Wien Akademietheater
Zeitraum: 
Juni 2017

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