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Livekritik zu

Die Frau ohne Schatten

21.11.2013 - 27.12.2014 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 06.07.2017

Die Brücke überm Abgrund

Richard Strauss‘ „Frau ohne Schatten“ bei den Münchner Opernfestspielen

 

Ehe für alle? Hugo von Hofmannsthal wäre für einen solchen Gedanken wohl kaum zu gewinnen gewesen. Schildert er die Ehe doch nicht nur in seiner Komödie „Der Schwierige“, sondern auch in seinem Opernlibretto „Die Frau ohne Schatten“ als eine Institution, deren Erfüllung darin besteht, Nachwuchs zu zeugen. „Ihr Gatten“, so verkünden die Stimmen der Wächter am Ende des ersten Aufzuges, „ihr Gatten, die ihr liebend euch in den Armen liegt, ihr seid die Brücke, überm Abgrund ausgespannt, auf der die Toten wiederum ins Leben gehen! Geheiligt sei eurer Liebe Werk!“

Seltsam, dass sich der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski, der – so ist es bei Wikipedia zu lesen – „ungeachtet seiner Homosexualität“ mit einer Frau verheiratet ist, zu diesem in Straussens Oper doch zentralen Themenkomplex nicht eindeutiger positioniert. Den affirmativen Schlussgesang der vier Paare (endlich werfen die Frauen einen Schatten, sind also schwanger) scheint der Regisseur durch die Kinderschar auf der Bühne nicht hinterfragen, sondern unterstreichen zu wollen.

Wie auch immer: Es ist eine rätselvolle Oper mit einer heute nicht mehr so recht vermittelbaren Botschaft, die aber interessante Figuren aufweist – und die vor allem musikalisch ein großer Wurf ist. Beide Aspekte kommen in der Festspielaufführung an der Bayerischen Staatsoper zur Geltung.

Hier liegt die Stärke von Warlikowskis Regie: Wie er die Beziehung zwischen der durch Kinderlosigkeit frustrierten Färberin und dem gutmütigen Barak ausleuchtet, ist feinsinnig und psychologisch stimmig gearbeitet. Wolfgang Koch und Elena Pankratova singen und spielen dieses Paar hinreißend. Er mit geschmeidig fließendem, sattem Bariton, sie mit glutvollem, warmem Mezzo.

Das hohe Paar, also Kaiser und Kaiserin, verblasst naben der sängerischen und darstellerischen Wucht dieser beiden fast ein wenig. Ricarda Merbeth überzeugt aber mit einem klaren und sicher geführten Sopran, der sich jederzeit gegenüber dem stark besetzten Orchester behaupten kann. Dem Kaiser des Burkhard Fritz hingegen hätte man etwas mehr tenorale Strahlkraft gewünscht. Nicht frei von Schärfen und Registerbrüchen war die darstellerisch starke Michaela Schuster als Amme.

Die eigentliche Sensation dieser Aufführung bestand aber im Dirigat Kirill Petrenkos. Das Bayerische Staatsorchester musizierte unter seiner zupackenden Leitung mit einer Frische und Wucht, wie man sie sich besser einfach nicht vorstellen kann: Farbenreich, präzise, dynamisch höchst flexibel. Großartig! Das Publikum dankte enthusiastisch.

 

München, am 5. Juli 2017

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Grandioses Dirigat von Kirill Petrenko

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