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Livekritik zu

Goethe/Wilson/Grönemeyer: Faust I und II

04.04.2015 - 12.07.2015 | Berlin / Berliner Ensemble
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august14979
am 19.05.2015

Robert Wilson hat wieder zugeschlagen: das „Trio Infernale“ (Goethe-Wilson-Grönemeyer) präsentiert den Faust, den 1. wie den 2. Teil, in einer bunten Bilderrevue, beinahe als Musical und mit einem phänomenalen Mephisto (Christopher Nell). Nun ist der Höllenfürst natürlich die dankbarste aller Rollen in Goethes Drama. Der Dr. Faust wird dagegen – wenigstens in Teil I – in mehreren Gestalten präsentiert. Der Höllenfürst erscheint im drolligen Pudelkostüm, bis er sich unter heftigem Blitzen schließlich entpuppt. (Na klar doch: Das also ist des Pudels Kern!) Drum wird das Bündnis der beiden Hauptakteure zu fünft auf einer schwarzen Hollywoodschaukel geschlossen. Viermal Faust und ein Mephisto lassen danach einen fröhlichen Jodler erschallen.

Auch das fromme Gretchen erscheint heute zu Dritt, die notgeile Marthe, die den stattlichen Mephisto umschwirrt, nur einfach. Der Stoff wird stark gekürzt, und obwohl das Drama wie aus knallbunten Mosaiksteinen zusammengesetzt wirkt, geht der Faden nicht verloren. Grönemeyers musikalische Zutaten sind passend, manchmal vielleicht zu passend und zu wenig aufregend. Aber nichts gegen die tondichterischen Künste unseres Herbert aus Bochum – solange er nicht selbst singt (aber das ist natürlich meine ganz eigene Einschätzung). Die bekannten Goethe-Texte kommen als Fragmente über die Rampe, mitunter in nicht enden wollenden Wiederholungen. Nur Mephisto ist traditionell angelegt. Er ist derjenige im Ensemble, der einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlässt, ist mal der gute Nachbar von nebenan (mit der gehörigen Prise Hinterlist), verständnisvoller Freund, fordernder Macher oder zeigt mitunter sogar ein wenig Ratlosigkeit.

Dank der Straffung des „Faust“ ist nach weniger als 2 Stunden der I. Teil vorüber. Noch stärkere Kürzungen erfährt Teil II, der eigentlich in seiner Urfassung immer als „unaufführbar“ galt. Nach der Pause wird der „Faust“ noch stärker in Häppchen zerteilt. Über den Geldmangel am Königshof, zu Helena und Paris, zum Homunkulus. Eine durchgängige Handlung ist nicht mehr erkennbar. Mephisto, so vielseitig sind heute die Bühnendarsteller, darf den perfekten Stepptanz vor Wagners Labor präsentieren. Am Schluss wird Faust nun aber (völlig unerwartet) nicht von den Engeln gerettet. Er sitzt, inzwischen im methusalemschen Alter, auf der Parkbank neben Mephisto, der sich eines seiner Hörner vom Kopfe schraubt und dem Doktor an den Kopf heftet. Schlusstanz und Chor des Ensembles: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan.“ Der Rest bleibt offen.

Robert Wilson bastelt nicht nur dank seiner Lichttechnik ein buntes Kaleidoskop. Seine Darsteller zeigen grellweiß geschminkte Gesichter. Viele Mitwirkende sind übrigens Studenten der Schauspielschule „Ernst Busch“. Um den Nachwuchs fürs Sprechtheater muss uns nicht bange sein. Bühnenaufbauten und Lichteffekte wechseln in rascher Folge, Videoprojektionen und diverse Bühnenaccessoires sorgen dafür, dass das Auge keine Ruhe findet. Diese Inszenierung wirkt intensiv auf alle Sinne.

Ist dies ein ernst zu nehmender "Faust"? Nein, nicht wirklich. Den Anspruch erhebt die Inszenierung auch nicht. An diesem Abend gibt’s einiges zu Lachen. Und, was auch nicht verschwiegen werden soll, mancher Scherz geht klar daneben und ist nur noch albern. Dass ich zur Mitte des 2. Teils das Ende herbeisehnte, ist lediglich der Tatsache geschuldet, dass man in diesem leicht verstaubten Musentempel auf Dauer etwas verklemmt sitzt und dass sich nach 90 Minuten „Theater am Stück“ die Luft arg verbraucht. Ansonsten bekommt Robert Wilson von mir für seine atemberaubende Faust-Revue die Höchstbewertung. Ich bin der Meinung, den alten Herrn Geheimrat hätte es amüsiert.

 

Besucherfazit

Ein Bilderbuch für Erwachsene – nicht ganz ernst gemeint.

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