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Livekritik zu

Aida

22.11.2015 - 10.12.2015 | Berlin [ Charlottenburg ] / Deutsche Oper Berlin
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august14979
am 07.12.2015

Wenn eine Inszenierung von der Feuilleton-Kritik recht vernichtend bedacht wird, macht sich unsereins schon mit etwas mulmigen Gefühlen auf den Weg ins Opernhaus. Doch gemach! Am Ende bleibt festzustellen: Es hätte schlimmer kommen können.

Betrachtet man allein Benedikt von Peters Inszenierungsverrenkungen, so gelangt man recht rasch zum vernichtenden Urteil: größtenteils grober Unfug. Der Pharao (Ante Jarkunica) singt schmetternd vom Rang, Amonasro (Markus Brück) bleibt unseren Blicken verborgen. Die Bühne wird von einer Videoleinwand beherrscht, die überwiegend die kramige Oberfläche eines imaginären Schreibtisches zeigt. Rechts und links der Bühne stapeln sich Monitore in die Höhe. Radames (Alfred Kim) und Amneris (Anna Smirnova) tragen Alltagsklamotten und wirken mitunter wie ein in die Jahre gekommenes zänkisches Paar. Rechtzeitig zum Triumphmarsch schmückt sich die Pharaonentochter mit einer Zeitungspapiertüte – soll wohl eine Krone sein. Sie bindet irgendwann dem armen Radames den Latz um und schmiert ihm ein Dauerwurstschnittchen, aber er verweigert sich appetitlos. Wenn Radames nicht singt, wird er von der Regie dazu verdammt, orientierungslos über die Bühne zu tapern, als wisse er im Moment nichts Besseres mit seiner Zeit anzufangen. Und Aida (Tatiana Serjan)? Die läuft im langen weißen Gewand, einem Nachthemd nicht unähnlich, über die Bühnenplanken. Amneris klebt ausgerissene aktuelle Zeitungsartikel mit Flüchtlingsfotos an Radames’ Brust, die dieser dann dem (nach wie vor im Rang platzierten) Pharao als die äthiopischen Gefangenen präsentiert. Was das soll? Vielleicht ein Tribut an die derzeitige Flüchtlingsdramatik. Jedenfalls ein ziemlich schwachbrüstiger Regieeinfall.

Hingegen erweist sich von Peters Idee, den Chor auf diversen Plätzen im Publikum unterzubringen, als ziemlich genial. Dem Zuhörer wird dadurch ein unnachahmlicher Raumklang zuteil. Er fühlt sich mitten im Geschehen, wenn sich die Chormitglieder plötzlich von ihren Sitzen erheben und loslegen. Der gedeckelte Orchestergraben bildet die erweiterte Bühne. Im Bühnenhintergrund sitzt hinter einem durchsichtigen Vorhang das Orchester. Andrea Battistoni erinnert bei seinem aufgeregten Dirigat ein wenig an ein HB-Männchen kurz vorm Abheben.

So schwach die Inszenierung, so stark der musikalische Gesamteindruck. Die Kritikerstimmen, die den Gesang als zu laut, geradezu übersteuert empfunden haben, kann ich nicht bestätigen. Aber vielleicht war das ja ein Makel, den man erst nach der Uraufführung in den Griff bekommen hat. Sängerisch war das alles hochklassig – wobei mich die Stimme der Amneris am Nachhaltigsten beeindruckt hat. Aber auch Tatjana Serjan als Aida und Alfred Kim als Radames haben mich überzeugt. Die Buhrufe zur Pause, die sicherlich der Regie galten, wurden da schon von Bravorufen überlagert. Am Ende gab es nur noch donnernden Applaus. Der Löwenanteil davon galt sicher dem für diese Aufführung erweiterten Chor, der auf der ganzen Linie stark beeindruckte.

Besucherfazit

Ein musikalischer Genuss mit Inszenierungsunsinn.

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