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Livekritik zu

Professor Bernhardi

11.09.2017 - 12.09.2017 | Hamburg [ Mitte ] / Thalia Theater
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august14979
am 15.02.2018

„Ganz in weiß“ – so ist heute die Berliner Schaubühne gehalten, denn wir sind Zeugen des Treibens in einer Privatklinik. Professor Bernhardi, Chefarzt und Leiter der Klinik, verweigert dem Pfarrer den Zutritt zu einer Patientin, die offenkundig im Sterben liegt. Die Patientin scheint erholt, befindet sich in einem euphorischen Stadium, träumt von ihrer baldigen Entlassung. Ihr baldiges Sterben ist sicher, aber das Erscheinen des Pfarrers – so Bernhardis Meinung – könnte sie aus ihrer Euphorie in die Aussichtslosigkeit stürzen lassen und ihr Ableben beschleunigen. Das Vorenthalten der Sterbesakramente wird zum Politikum, umso mehr, als Professor Bernhardi Jude ist. Die starke Fraktion der „Populisten“ im Parlament nimmt sich dankbar des „Skandals“ an, Bernhardi gelangt immer mehr in die Schusslinie und lässt sein Amt ruhen, weil auch der Stiftungsrat der Klinik ob des Vorgangs zurückgetreten ist und damit die Finanzierung des Betriebs auf der Kippe steht.

Schnell sortiert sich die Ärzteschaft neu – nach Anhängern und Widersachern Bernhardis, wobei die Widersacher dabei naturgemäß die eigene Karriere im Fokus haben. Zum Unglück des Professors hat er auch noch bei der Auswahl zweier Kandidaten die vermeintliche bessere Ärztin erwählt, die fatalerweise aber auch jüdischen Glaubens ist. Welchem Vorwurf er sich damit aussetzt, lässt sich denken.

Arthur Schnitzlers Stück spielt eigentlich in Wien und wurde 1912 in Berlin uraufgeführt. Thomas Ostermeier hat Schnitzlers Professor in die heutige Zeit verlegt, in der es ja durchaus wieder einen schlummernden Antisemitismus gibt. Den die Herren am Tisch der Klinik-Krisensitzung vehement leugnen. Professor Bernhardi wird zum Spielball – zunächst der „Populisten“, die sein Handeln für strafrechtlich relevant erachten. Und tatsächlich fährt er für zwei Monate in die Haftanstalt ein. In der Folge entwickelt sich die Gegenbewegung, die ihn zum Volkshelden stilisieren will – was ihm auch nicht recht ist.

Jörg Hartmann scheint die perfekte Besetzung für die Rolle des Professors. Hin und wieder projizieren Kameras ihn live auf die Großbildwand. Wichtig aber ist, dass er von weiteren schauspielerischen Könnern umgeben ist, die alle zusammen diesen Theaterabend zu einem großen Erlebnis machen. Hervorzuheben wäre Sebastian Schwarz als der unerbittliche und bullig auftretende Konkurrent Dr. Ebenwald oder Laurenz Laufenberg als der noch jugendliche, aber außerordentlich ernsthafte Pfarrer. Hans-Jochen Wagner gibt einen aalglatten Gesundheitsminister – und Christoph Gawenda den lakonisch-abgeklärten Ministerialrat Winkler. Fast drei Stunden ohne Pause, das erfordert schon ein hohes Maß an Theaterleidenschaft. Der intellektuelle Genuss an diesem Abend war es Wert und darf als Beweis gelten, dass es noch Theaterabende zu Mitdenken gibt.

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Titel: 
Professor Bernhardi
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Ort: 
Schaubühne Berlin
Zeitraum: 
11.02.1018

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