Overlay
Livekritik zu

Die Fremden / Der Kaufmann von Venedig

17.10.2017 - 10.04.2018 | Münster (Westf.)
« zurück zur Veranstaltungsseite
theatermail nrw
am 11.04.2018

Mit Herzenswärme gegen Provokateure

Das Programmheft des Theaters Münster zu Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" eröffnet mit einem Goethe-Zitat, das sich in diesen Zeiten zu einem echten Kracher entwickeln müsste: "Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter", heißt es in Goethes Gedichtsammlung "West-östlicher Divan". Kultur soll ja so etwas wie die nationale deutsche Identität zum Ausdruck bringen, sagt die AfD, und dass der alte Geheimrat für unsere Kulturnation identitätsstiftend und so etwas wie der WASP von Weimar ist, wird auch die um das gesunde deutsche Volksempfinden sich sorgende Partei mit der rechten Gesinnung nicht in Frage stellen. Also: lest Goethe, liebe Volksgenossen.

Oder geht ins Theater Münster. Dort sitzen scheinbar viele Gesinnungsgenossen im Parkett. Wenn der Prinz von Marokko um Portias Hand anhält, tut er das erstens auf Arabisch und zweitens in Gestalt der syrischstämmigen Schauspielerin Zainab Alsawah. Da wird Unmut laut im Publikum: "Sprechen Sie bitte deutsch", fordert ein ungehaltener Besucher, und schnell entwickelt sich eine muntere verbale Klopperei zwischen den Zuschauern. Radikaler Ausländerhass bricht sich Bahn. Eine Studentin verlässt den Saal, weil sie die Fremdenfeindlichkeit nicht mehr ertragen kann; ein Herr aus dem Publikum will einen der Störer rauswerfen. Und auf der Bühne haut einer einen Stammtisch-Spruch par excellence raus: "Die Kamelficker wollen wir hier nicht." Zainab Alsawah hat Tränen in den Augen. Sie wählt das falsche Kästchen und wird Portia nicht ehelichen dürfen. Unverrichteter Dinge zieht sie ab. Spottgesänge klingen ihr hinterher: "Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst."

Natürlich sind die Krakeeler im Parkett bezahlte Provokateure - Laien, die vom Theater engagiert wurden. Die machen ihre Sache so perfekt, dass nicht jeder Besucher versteht, was da abgeht. Regisseur Stefan Otteni will am Theater Münster den vordergründigen Antisemitismus in Shakespeares Stück von seiner religiösen Konnotation befreien und den Hass auf den Juden Shylock auf eine allgemeine Fremdenfeindlichkeit zurückführen. Dabei wird der Kracher in dieser Inszenierung nicht Goethe, sondern Shakespeare als Teil eines Autorenkollektivs. Die Münsteraner haben einen Text ausgegraben, der aus dem Manuskript eines aufgrund von Einwänden des Zensors nie zur Aufführung gekommenen Stücks über Thomas Morus stammt. Den haben sie geschickt in die Aufführung montiert. Die Szene ist mit "Die Fremden" betitelt, und neben zwei Haupt-Autoren hat William Shakespeare als einer von drei Neben-Autoren an diesem Text mitgebastelt. Fremdenhass gab's damals nicht minder als heute.

"Der Hass, den ihr mir gerade beibringt, den gebe ich zurück, und ihr werdet sehen, ich werde es besser machen als mene Lehrer", ruft der weiblich besetzte Prinz von Marokko - und doch gehört ihm unser Mitleid. Carola von Seckendorff hat eine Menge zu tun. Die spielt eine Figur, die es bei Shakespeare gar nicht gibt: "Die Liebe" wird sie hier genannt, aber sie ist weit mehr. Sie verkörpert gleich ein ganzes Bündel von Tugenden: Liebe, Mitgefühl, Empathie und Herzenswärme vor allem. Ihr gehören die Texte aus der kollektiv geschriebenen elisabethanischen "Fremden"-Szene: Shakespeares Beitrag zu dieser Szene war eine Rede an die Londoner Bevölkerung, die gewalttätig gegen Flüchtlinge aus Flandern und Frankreich vorgehen wollte, und sein Text ist aktuell wie eh und je.

Mit der Erfindung einer Figur, die die Aktualisierung eines klassischen Shakespeare-Dramas tragen soll und so etwas Abstraktes wie "Liebe" und "Mitgefühl" verkörpert, geht Stefan Otteni ein hohes Risiko. So etwas kann nur aufgesetzt und kitschig wirken, denkt man. Und staunt Bauklötze: Mit unaufgeregter Gelassenheit wandert Carola von Seckendorff durch die Szenerie, eine uneitle Frau von heute in Turnschuhen, mit unprätentiöser Frisur und Kleidung. Sie hält den Figuren (und damit auch uns) den Spiegel vor. "Ruhe wollt ihr? Das, was ihr wollt, zerstört ihr gerade selbst", sagt sie zur Münsteraner Parkett-Revolution und zu den Shakepeareans, die ihre syrische Schauspieler-Kollegin unter Absingen schmutziger Lieder aus dem Palast werfen. Mit Shylocks Tochter Jessica, die der Liebe zu Lorenzo wegen ihren Vater verlassen und zum Christentum konvertieren möchte, sortiert sie deren widerstreitende Gefühle (Liebe versus schlechtes Gewissen). Shylock stellt sie unbehagliche Fragen: "Dir wäre lieber, deine Tochter wäre tot?", wundert sie sich, als er behauptet, er wünsche, seine Tochter "läge tot vor meinen Füßen". "Du willst ihn foltern?" fragt sie, als er sich über Antonio echauffiert und ihm das Pfund Fleisch aus den Rippen zu schneiden wünscht. Und dann wieder, unmerklich in die Rolle des Dogen von Venedig geschlüpft, verwendet sie sich für den Juden: "Es tut mir leid um dich. Du triffst hier auf einen Menschen, versteinert, ohne Gnade" - und sie meint damit Antonio, der als Bedingung für die Beilegung des Konflikts  Shylocks Übertritt zum Christentum und damit die Aufgabe seiner Identität fordert.

Seckendorff sagt das alles ohne Vorwurf, ohne erhobenen Zeigefinger, ja: vordergründig sogar ohne Partei zu ergreifen. "Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire", scheint sie zu rufen - "und die andere Freiheit gleich mit." Ihre Figur hat Lessing'sche Aufklärer-Qualitäten, nur ohne dessen umständliche Betulichkeit. Nur durch Nachfragen und Resümieren spiegelt sie das von Hass und Eigenliebe bestimmte Verhalten der Protagonisten und baut auf deren Einsicht in die Notwendigkeit von Toleranz, denn sie weiß, dass nur Einsicht und Erkenntnis nachhaltige Verhaltensänderungen bewirken können. Das ist nicht nur ein Regie-Coup, sondern ganz, ganz großes Schauspieler-Theater.

Shylock sei "der härteste Hund unter der Sonne", sagt Gratiano einmal - und genau so spielt Christoph Rinke diesen jüdischen Kaufmann und Geldverleiher. Ist von Seckendorff die personifizierte Herzenswärme, so ist Rinkes Shylock die Mensch gewordene Eiseskälte. Der kühle, kalkulierende Businessman im grauen Nadelstreifen strahlt die elegante Überlegenheit des Investment Bankers aus. Viele von uns würden einem wie ihm ohne Zögern ihr Vermögen anvertrauen. Doch ist er auch selbstgerecht und mitleidlos - und darf es nach seiner Auffassung sein, weil nichts und niemand seiner Religionsgemeinschaft Anerkennung verschafft. Souverän wie das Auftreten seiner Figur ist auch die Rinkes schauspielerische Leistung.

Shylocks Gegenspieler Antonio musste in der Vorstellung, die der Rezensent besuchte, krankheitsbedingt umbesetzt werden. So wie Ronny Miersch die Figur spielte, wirkte er weicher, jünger, weniger duchsetzungsfähig als der Jude - sympathisch, aber auch ängstlich und daher von vornherein chancenlos in einer harten Auseinandersetzung. Resigniert scheint er am Ende den Prozess zu verfolgen, so als wisse er, dass er keine Rechte hat (so wie es ja ohnehin verblüffend ist, dass niemand in Shakespeares Stück auf den Gedanken kommt, dass ein Vertrag, der bei Nichterfüllung mit dem Leben der beklagten Partei zu bezahlen ist, wegen Unsittlichkeit unwirksam ist). Dass Antonio zurecht der Vorwurf gemacht werden kann, "versteinert" und "ohne Gnade" zu sein, kommt fast überraschend.

So haben wir also Phasen erschreckender Aggressivität und Momente abgeklärter, warmherziger Empathie in dieser Aufführung. Der Dreiklang wird vollendet durch einen wunderbaren Humor. Otteni scheut nicht vor ausgiebig zelebrierten Kästchen-Szenen und Bräutigam-Verarschungen zurück, bei denen man in anderen Inszenierungen manchmal lange Zähne kriegt. Gegen den Sachsen hilft nur, "die Mauer wieder aufzubauen", wie eine zunehmend sarkastischer werdende Portia ätzt; Ilja Harjes gibt den Prinzen von Hannover wie eine Münsteraner Version von Horst Schlemmer aus Grevenbroich mit unsauberer Sprache und einem hinreißenden Wischmop auf dem Schädel; und auch Garry Fischmann als Prinz von Aserbaidschan ist unwiderstehlich - leider nicht als Portias Bräutigam, sondern als Comedian. Das alles ist so witzig und unterhaltsam, dass wir uns auch damit abfinden würden, wenn Portia zehn statt vier Bewerber hätte.

Nur diese blöde Ring-Geschichte am Schluss, mit der Portia und Nerissa ihre jeweiligen Verlobten zum Narren halten, will weder zu Ende gehen noch Witz entwickeln. Aber wir hätten es besser wissen können: Nerissa fängt nämlich als dritte Figur an diesem Abend mit dem berühmten Shylock-Monolog an. Zuvor hatte ihn Shylock dort platziert, wo Shakespeare ihn hinhaben wollte, selbstverständlich mit der Original-Diktion: "Hat nicht ein Jude Augen ...?". Zu Beginn hatte der Prinz von Marokko sich damit gegen die Anfeindungen aus dem Publikum zur Wehr gesetzt: "Hat nicht ein Muslim Augen ...?" - Nun fragt Natalja Joselewitschs Nerissa: "Hat eine Frau nicht Augen ...?" Und im Publikum legen die agents provocateurs wieder los mit ihren unflätigen Reden. Das Ende wird noch hammerstark.

(Dietmar Zimmermann)

 

 

Besucherfazit

Aggressivität, Empathie, Humor - Stefan Ottenis Gefühls-Triptychon gerät perfekt.

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
0 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Esther Barth
  • Juliane Wünsche
  • Stefan Bock
  • Ella Görner
  • Sarah Dickel
  • Cristóbal Marrero-Winkens
  • Rolf Schumann
  • CHAMÄLEON Theater GmbH
  • Frank Varoquier
  • poy
  • Christin Buse
  • Tanja Piel
  • nikolausstein
  • Marylennyfee Schmidt
  • Napp Flaska
  • Di Pa
  • Julia Schell
  • Irina Antesberger
  • Sus Ann J
  • Jamal Tuschick
  • Odile Swan

Für Freikarten und Kulturtipps

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!