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theatermail nrw
am 01.05.2018

Herzlos im Moor

An der Umgehungsstraße / kurz vor den Mauern von Rudis Stadt / eröffnet ein Einkaufszentrum / wie es noch keiner gesehen hat. Es kriegt schon Risse, denn es steht im Sumpf. Und es ist das Prestige-Projekt des Bürgermeisters, der auf "ausländische Kunden" in seinem versumpften EKZ spekuliert. Die Eröffnung muss laufen, koste es was es wolle. Skandale kann Rudi Acker nicht gebrauchen. Also greift der Bürgermeister zu erpresserischen Methoden. Nicht wegen der Setzrisse im Shopping-Paradies - die sind das geringste Problem. Schlimmeres droht: Zwei Tage vor der geplanten Eröffnung wird auf dem Gelände eine Frauenleiche aufgefunden. Die muss dringend weg.

Ist Rudi Acker ein skrupelloser Politiker, der mit allen Mitteln einen Skandal verhindern will, um seine Gemeinde vor einem Image-Schaden und finanziellen Einbußen zu schützen? Ist er ein Opportunist, der zur Machterhaltung im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht? I wo: Sein Schöpfer ist schließlich der Dramatiker Ferdinand Schmalz, und der findet das Gute noch im abseitigsten Kriminellen. So ein Bürgermeister spürt den Druck schließlich nicht nur am Fuß; da lässt der Autor Milde walten, zumal Menschen mit ener gewissen Erbarmungslosigkeit stets auc für skurrile Geschichten gut sind. A scheene Leich' ist's net, die man da im sumpfigen Gelände gefunden hat: Ihr fehlt das Herz. "Ein Loch, ein sumpfiges" hat sie da, wo bei ordentlichen Leichen das Herz zu schlagen aufgehört hat. Herzlose Frauen aber haben das Potential zum Skandal - und den, wie gesagt, kann Rudi nicht gebrauchen. So kriegt der Gangsterer Andi den Auftrag, sie im Sumpf zu entsorgen. Aber wie das so geht: Anderntags taucht die zweite Frauenleiche auf, und auch ihr fehlt das Herz. Dreht euch nicht um: "der herzerlfresser" geht um.

Den Herzerlfresser gab es einst tatsächlich. Er hieß Paul Reiniger, lebte Anfang des 18. Jahrhunderts in der Steiermark und hat dortselbst sechs Jungfauen getötet und ihre Leichen im Moor versenkt. Ihre Herzen riss er heraus, um sie anschließend zu verspeisen. Einem alten Aberglauben zufolge wäre er nach dem kulinarischen Genuss eines siebten Frauenherzens unsichtbar geworden, was ihm Glück beim Kartenspiel beschert hätte. Das war der eigentliche Zweck der Übung, doch nach der sechsten Leich' wurde Reiniger verhaftet und zum Tode verurteilt. Dass Kaiser Joseph II. ihn zu lebenslanger Haft begnadigte, nützte ihm nicht viel: Der junge Mann starb wenige Monate nach seiner Einlieferung ins Gefängnis. 

Solche Geschichten leben im austriakischen Volksgedächtnis ewig. Ferdinand Schmalz hat sie in eine Gegend im 21. Jahrhundert verstezt, die kaum minder hinterwäldlerisch ist als das steirische Kindberg 250 Jahre zuvor. Aber mit Sieben-Meilen-Stiefeln und besagtem Einkaufszentrum soll dort die Moderne einziehen. In anderer Hinsicht ist diese Moderne längst da: Dramatis personae sind ausnahmslos zutiefst einsame Gestalten, die der isolationistischen Gesellschaft unserer Zeit hilflos gegenüberstehen. Regisseurin Alina Fluck, die das Stück in die Übersee-Container der Grotte, der kleinsten Spielstätte des Schauspiels Köln, zaubert, trägt diesem Subtext in Schmalz' kleinem Sprachkunstwerk Rechnung: Während der Autor drei wundersame Herz- und Daseins-Zitate von Jacques Lacan, Antonin Artaud und aus dem Kantatenzyklus von Dietrich Buxtehude vorangestellt hat, baut Fluck ein komplettes Heiner-Müller-Drama ein: sein vierzehnzeiliges "Herzstück" nämlich, in dem Person "Eins" der Person "Zwei" ihr Herz zu Füßen legen möchte. "Zwei" operiert es heraus und stellt überrascht fest: "Aber das ist ja ein Ziegelstein." Und "Eins" entgegnet: "Aber es schlägt nur für Sie."

Alle fünf Figuren in Schmalz' Stück haben was von Müller Eins und Zwei. Eigentlich ist der kurze Text des Österreichers, der vordergründig als skurriler, fast surrealer Dorf-Krimi daherkommt, ein Herzstück - ein Stück über die Liebe, vor allem über die Unfähigkeit zu lieben. Den vereinsamten Figuren ist die Sehnsucht nach Romantik und der Wunsch nach einer belastbaren Beziehung zu eigen. Das nimmt bei der "Fußpflege-Irene", die rettungslos in Bürgermeister Rudi verliebt ist, beinahe okkulte Züge an: Sie liest ihm die Zukunft aus dem Zustand seiner Füße und der Anordnung seier Zehen. Dem Bürgermeister ("Gangsterer, it's lonely at the top") weist sie anhand der Zehenstellung nach, dass ihm die große Liebe fehlt, und tatsächlich klagt der, nie gelebt und nie geliebt zu haben. Philipp Pleßmann lässt den biederen Bürokraten witzig von seiner Sehnsucht nach Wildheit und Hemmungslosigkeit schwadronieren. Der Metzger Herbert wiederum, ein Fremder im Ort, wird in seinem Liebeskummer melancholisch und produziert manch skurrilen poetischen Aphorismus. Man merke auf: "Was ich biete, ist das Versprechen einer Berührung, die keine Trennung kennt."  Und der Herzerlfresser - das erkennt der Bürgermeister schon früh - ist "ein heillos Suchender vielleicht."

Die einzige Therapie für einen Liebessehnsüchtigen ist es, das Herz einer Frau zu erobern. Nun stellen Sie sich einmal vor, das nähme jemand wörtlich! Es ist von großer Verführungskraft, wenn Magda Lena Schlott (die Fußpflege-Irene) und Nicolas Handwerker (Herbert) irgendwann die historische Geschichte vom Herzerlfresser erzählen. Herzmetaphern finden sich auch im Heute allenthalben. Alina Fluck lässt ihre Inszenierung schon mit einem gruseligen Herzklopfen beginnen, als die vier Dorfbewohner noch mit Tiermasken an den Wänden des Wellblech-Containers stehen. Sie hat die Atmosphäre von Schmalz' Stück kongenial auf die Bühne transferiert. Es gibt keine Leichenteile, sondern butverschmierte Woll- und Kleiderbündel, die von den Schauspielern aus den Ecken und Decken des Containers geklaubt werden. Eingefrorene Mimik, debile oder irre Gesichter begleiten das absonderliche Geschehen. Den Chor der "Kundenschaft" bei der EKZ-Einweihung inszeniert Fluck als skurrilen Rotlicht-Tanz; souverän arbeitet sie mit dem Einsatz von Musik, Tanz und - etwas zu vorsichtig - Stroboskoplicht. Phantasievoll sind die Kostüme von Jean Louis Frère; insbesondere Nils Hohenhövel als Herzerlfresserköder ist ein Hingucker. Alle fünf Schauspieler haben grandiose Auftritte, aber geradezu irrwitzig gerät der hellsichtige besoffene Monolog von Magda Lena Schlott über das Scheitern der Liebe.

Man muss sich nur enmal die Titel der bisherigen Stücke des jungen Matthias Schweiger alias Ferdinand Schmalz auf der Zunge zergehen lassen, um zu wissen, dass dieser keinen Krimi schreibt, aber auch kein tragisches Melodram: "am beispiel der butter", "dosenfleisch", "der herzerlfresser" - zu den Titeln des Herrn Schweiger passt ein ordentlicher Esslöffel Schmalz perfekt. Und so wie er seine Titel wählt, sind seine Stücke: wundersame Sprachkunstwerke, voller Wortspiele, voller morbidem Humor und mit manchem bewusst gesetztem Kalauer. Bisweilen glaubt man Einflüsse von Werner Schwab oder Elfriede Jelinek zu erkennen. In diese Sprachspiele kleidet Schmalz höchst skurrile Plots voller Grusel, Witz und Wehmut, wobei der Witz und die eigenwillige Sprachmelodie die Wehmut überlagern. Literaturwissenschaftler finden bei Schmalz jede Menge Zitate aus Mystik und Märchen, Philosophie und Literatur; sie zu verstehen, ist aber in keiner Weise Voraussetzun für das unbändige Vergnügen, das diese Texte dem Zuschauer bereiten.

Am Ende wird einer erschossen. Es ist der Falsche. Und doch der Richtige. Gezielt wird auf einen, der gerade unwissentlich ein Herz bricht. Getroffen wird einer, dessen Herz voller Liebe ist. Trotzdem ist der Schuss, der ins Herz trifft, ein finaler Rettungsschuss. Wenn man es recht betrachtet, ist das Ende von grausamer Romantik, aber es ist ein Happyend. Selten haben wir nach einer Vorstellung in so viele lachende, glückliche Gesichter geblickt. Alina Flucks Regie-Debüt gewinnt die Herzen. Sogar das Herz des Bürgermeisters lacht, obwohl der die Gemeindewahl wohl in den Sand gesetzt hat.

(Dietmar Zimmermann)

 

Besucherfazit

kongeniale Umsetzung von Schmalz' skurrilem Dorfkrimi-Liebesdrama

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Titel: 
der herzerlfresser
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Ort: 
Schauspiel Köln
Zeitraum: 
31. Januar 2018

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