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Livekritik zu

Die Jungfrau von Orleans

27.09.2013 - 17.10.2014 | Berlin [ Mitte ] / Deutsches Theater Berlin
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Stefan Bock
am 14.10.2013

Siehe da, ein Mensch? Die Jungfrau von Orleans am Deutschen Theater Berlin - Michael Thalheimer zeigt Friedrich Schillers idealistisch überhöhte Figur als eine an ihrer Berufung Verzweifelnde.

 

Schiller hat seine Jungfrau als ein zwischen Neigung und Pflicht schwankendes Wesen dargestellt. Einerseits von Gott berufene Heilige, andererseits menschliche Regungen empfindendes, zweifelndes Menschenbündel, das sich selbst schuldig sprechend im Endeffekt für die gottbefohlene Pflicht entscheidet. Berückend und gleichsam entrückt steht Kathleen Morgeneyer in Michael Thalheimers Inszenierung am Deutschen Theater an der Rampe. Nicht in voller Rüstung, im weißen, noch unbefleckten Hemd steht sie dort. Regungslos, die Arme ausgebreitet, das Schwert in einer Hand, ruft sie ihre Franzosen zum Handeln. Ins blendende Spotlight gestellt, fordert dieses fanatische Mädchen so gleichsam Abscheu und Empathie. Menschliche Emotionen allemal, jede für sich schrecklich und schön gleichermaßen.

Das Heft wird man ihr später wieder aus der Hand nehmen. Sobald ihr göttliches Antlitz dem profanen weicht, gehen dieselben Männer (Dieter Motzen als Herzog von Burgund, Andreas Döhler als Bastard Dunois und Henning Vogt als Du Chatel), die noch zuvor ihre Hand begehrten sogar forderten, ohne mit der Wimper zu zucken von der Fahne. Die Zeit dazwischen füllen sie mit pathetischen Reden, Kriegsgeschrei und fragwürdigen Bekenntnissen. Männliche Allianzen schmiedend und wieder verwerfend, führen sie die Jungfrau wie ein Maskottchen auf der Fahne. Dem willensschwachen Dauphin Karl hat Schiller versucht, ein leuchtendes Äquivalent zu schaffen. Die romantische Utopie, dass ein Herrscher zum „guten Fürsten“ zu bekehren sei, ist mit Thalheimer nicht zu machen. Bei ihm und Darsteller Christoph Franken ist Karl ein weiches, kriechendes Muttersöhnchen in langen Unterhosen, das sich, nachdem sich seine Mutter Isabeau von ihm losgesagt hat, an eine neue klammert.

Meike Droste als Agnes Sorell, die Geliebte Karls, in geblümter Abendgarderobe (Kostüme: Nehle Balkhausen) mit heruntergelassenen Trägern, gibt ihre letzten Ringe für ihn hin und Almut Zilchers Königin Isabeau schreitet mit hochtoupierter Frisur auf Mega-Absätzen wie ein griechische Furie durch das Geschehen. Nichts Erhabenes, eher verbrauchte Verruchtheit strahlen diese Frauengestalten aus. Die Männer, alle in verschiedenen Rollen, stehen aufs Schwert gestützt im Hintergrund, tragen Kettenhauben und gehen nur zum martialischen Wortgefecht oder Sterben nach vorn. Viel Theaterblut spucken sie dabei auf das weiße Hemd der Jungfrau, die das weiter ungerührt über sich ergehen lässt. Denn aus ihr spricht die Muttergottes selbst.

Dass sich Johanna gerade in einen dieser austauschbaren, kettenbehängten Schwertträger verlieben soll, erscheint hier wie ein bloßer Zufall. Nichts Außergewöhnliches noch Tragisches haftet dem an. Das blutige Antlitz des englischen Anführers Lionell (Alexander Khuon) sieht sie nicht einmal an. Die Zweifel wischt sie weg: „Verdient ichs, die Gesendete zu sein, wenn ich nicht blind des Meisters Willen ehrte!“ Den Montgomerie (ebenfalls in Gestalt von Alexander Khuon) haut sie mit Worten in Stücke, den Flüchen des sterbenden Talbot (Markus Graf) und den Warnungen des Schwarzen Ritters (der tote Talbot mit weißem Gesicht) widersteht sie. Die Sendungsbewusste steht weiter wie in Trance, bis sie ihren Platz verlassen muss. In Ungnade gestürzt durch die Anfeindungen des eigenen Vaters (Michael Gerber), verstummt, verstoßen, auf ihren rechten Platz als Frau zurückgestellt.

Aus diesem Zwiespalt aber entwickelt Thalheimer im Weiteren nichts. Er plakatiert ihn lediglich. Die stark gekürzte Fassung gibt keinen Raum für weitere Gestaltung, stellt den Fokus allein auf die Jungfrau, deren Lichtkreis die anderen nur kurz durchlaufen und das göttliche Gleichgewicht doch nachhaltig stören. Keine Möglichkeit selbstbestimmte Freiheit zu erlangen, der Berufung zu entkommen, zieht es Johanna wieder ins Licht. Zum Ende erscheint sie darin nur klein und wirft einen großen Schatten an die zum Dom aufstrebenden Umfassungswände von Olaf Altmann. Anmut, Würde, Erhabenheit oder Liebe und Mitleid. Aus diesem Gefängnis gibt es kein Entrinnen. Ob nun religiöse Fanatikerin, tragische Märtyrerin oder große Nationalheldin, die letzten Worte Johannas: „Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“, klingen hier dann doch eher wie Hohn.

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ungerührte Jungfrau im grellen Spotlight

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Medien von Stefan Bock

Das Deutsche Theater Berlin - Foto: St. Bock
Schillerdenkmal in Dresden - Foto: St. Bock
Die Jungfrau von Orleans am DT. Regie: Michael Thalheimer - Foto: St. Bock
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