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Livekritik zu

Stimmen im Kopf

21.03.2013 - 02.01.2014 | Berlin [ Neukölln ] / Neuköllner Oper
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kristina.ei
am 22.03.2013

Eine Musiktherapie in der Neuköllner Oper: Therapie auf der Bühne oder für das Publikum?

Nadine hört Stimmen, bzw. eine: Daniel ist in ihrem Leben und beschützt sie vor ihrer Angst und wird sie niemals alleine lassen, das hat er ihr versprochen. Verrückt oder doch ganz normal? Aber wer wünscht sich das denn nicht? Jemanden zum Reden, wenn man einen braucht. Jemanden, der da ist, wenn man sich alleine fühlt. Jemanden, dem man die Schuld geben kann, wenn etwas nicht so funktioniert wie gedacht. Jemanden, der Entscheidungen fällt, die einem nicht leicht fallen. Die Welt ist zu groß, als dass man alleine mit ihr fertig würde. Geschweige denn mit dem Universum. Wer fühlt sich nicht unbedeutend auf diesem sterbenden Planeten?

Das Musiktheater spielt mit sämtlichen Klischees und Stereotypen, die bei dem Gedanken an eine geschlossene Station der psychiatrischen Klinik aufkeimen. Humorvoll umgesetzt erhalten die Charaktere starkes Profil und ich denke jeder im Publikum konnte sich mit mindestens einem der Protagonisten identifizieren. Vielleicht funktioniert das Konzept deshalb so gut. Im Deutschen hat sich nicht umsonst der Werbeslogan „Sind wir nicht alle ein bisschen bluna?“ in den alltäglichen Sprachgebrauch etabliert. Und mitreißend wird man schon zu Beginn des Stücks im „Klub auf der Geschlossenen“ Willkommen geheißen.

„Stellen Sie sich vor, sie wären ein sterbendes Sonnensystem“
„Eine psychische Krankheit ist immer auch ein Moment der Ehrlichkeit.“, schreibt Peter Lund (Text und Regie) und meint damit die Chance, durch die Krankheit Dinge neu und anders zu sehen. Das Ensemble und das Produktionsteam, äußert Lund, sehen nun viele Dinge anders und hoffen, dass das Publikum nach dem Besuch in der Neuköllner Oper nun ebenfalls einen anderen Blick auf die Welt hat. Ich kann das nur bestätigen. Jeder der sich mit dieser Thematik beschäftigt, fängt an, die Welt anders zu sehen oder vielleicht sogar, sie ein kleines bisschen mehr zu verstehen. Das Stück bietet auf jeden Fall einen neuen Anreiz, keine Verdrängung mehr walten zu lassen. Wir leben alle in derselben Welt und „stellen Sie sich einmal vor, Sie wären ein solches sterbendes Sonnensystem und keiner ruft an.“

Die Musik ist großartig und funktioniert für jede Zielgruppe. Unter Hans-Peter Kirchberg spielt die Band von leiser szenischer Begleitung bis hin zum ohrenzerschmetternden Gute-Laune-Willkommen-im-Klub-Song alles. Manches Mal vielleicht etwas zu enthusiastisch und die Stimmen der Studenten kommen vereinzelt nicht gegen die übermächtige Schallwand der Band an. Aber man mag es verzeihen, genauso wie den ein oder anderen kleinen Textfehler. Die Studenten bringen auf die Bühne, was manch anderer etablierte Musicaldarsteller kaum schafft: echte Gefühle.

Konzept einer Sozialarbeiterin und eines Krankenpflegers
Stimmen im Kopf ist eine Koproduktion zwischen dem Studiengang Musical/Show der UdK Berlin und der Neuköllner Oper. Nach der Idee einer Sozialarbeiterin und eines Krankenpflegers entstand das Konzept für die Musiktherapie im Theater. Das Leben mit einer psychischen Krankheit sollte so authentisch wie möglich auf die Bühne gebracht werden. Authentisch waren definitiv das Bühnenbild (eine eins-zu-eins Umsetzung einer Krankenstation) und das Spiel der Studenten (emotional mitreißend). Die Klischees und Stereotypen die einem begegnen, vermutlich umso mehr.

Das Stück kommt zum Fazit, dass niemand helfen kann: Wir müssen das schon selber schaffen, mit unserer Krankheit leben und mit der Welt klar kommen, und es gibt eben den einen oder den anderen Weg. Einer der bleibt… und einer der geht…

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Eine Musiktherapie, die anschlägt… Willkommen im Klub.

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