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Livekritik zu

Die tote Stadt

03.11.2013 - 28.06.2019 | Berlin / Komische Oper Berlin
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Holger Kurtz
am 07.05.2015

"Was wäre, wenn wir die Freundin des jeweils anderen anbaggern? Würden sie uns die Treue halten?"

Das ist - grob vereinfacht - der Grundkomplott hinter Mozarts Oper "Cosi fan tutte". Häufig wird der Operntitel mit "So machen es alle" ins Deutsche übertragen. Dabei wird jedoch unter den Teppich gekehrt, dass "tutte" der weibliche Plural ist. Genau genommen heißt der Titel also "So machen es alle Frauen". 

Was machen denn nun alle Frauen?

Glaubt man dem Librettisten Lorenzo di Ponte, so liegt es in der Natur der Frau, fremd zu gehen. #AUFSCHREI! Was? FRAUEN gehen alle fremd? Genderfoul! Machoalarm!

Doch halt. Unlängst titelte die WELT: "Männer wünschen sich eher Partnerschaft als Frauen". Stimmt es also? Hatte Mozart recht und wusste schon 1790 bei der Uraufführung, dass Frauen genauso polygam sind wie Männer? 

Face the facts: Cosi fan tutte ist ein zeitloses Thema das jeden interessiert. Das Leben, die Liebe, die Treue und ob sie nicht doch gegen die Natur des Menschen verstößt. Kennste? Kennste? Kennste? Mario Barth weiß bescheid.

Inszenierung

Die Komische Oper verlegt die Handlung in eine Restaurationswerkstatt für Gemälde. Restaurateure und Restaurateurinnen spielen die beiden Liebespaare. Sie bearbeiten Bilder aus der Zeit Mozarts und schlüpfen - nachdem sie ihren Freundinnen erzählten in den Krieg zu müssen - in die Kleider des Rokkokos. Sie werden zu den Portraits, die sie restaurieren. Dorian Grey lässt grüßen, er meint: Das könne nicht gut ausgehen.

Eine wundervolle Idee! Ist sie nicht auch gleich ein Wink in die moderne Arbeitswelt, in der jeder sich 100% mit seiner Arbeit identifiziert? Schlüpfen wir nicht alle in Rollen und wissen überhaupt nicht mehr ob wir gerade arbeiten oder "feizeiten"? 

Der Regisseur hält sich inhaltlich streng an das Libretto, sodass man sich fragt, warum zwei deutsch sprechende Restaurateure so spontan in den Krieg ziehen sollen. Welcher Krieg wohl gemeint ist und vor allem: Welche Frauen sind bitte so naiv, das zu glauben?

Da wird die Ambiguitätstoleranz der Zuschauer ganz schön auf die Probe gestellt: Widersprüche aushalten, das Credo des Regietheaters. 

Genug "Meta" - weiter mit der Musik:

Gesang

Nicole Chevalier spielte die Rolle der Fiordiligi und gefiel vor allem durch ihren gesprochenen Ansatz, mit dem sie Rezitative begann, die dann in Gesang übergingen. Dadurch wurde die Stilisierung und das artifizielle eines Rezitatives abgemildert. Halten Sie mich für einen Banausen, aber der Sinn eines musikalisch unbedeutenden Rezitativ hat sich mir noch nicht erschlossen.

Frau Chevalier strahlte vor allem im zweiten Teil eine solche Spielfreude und Leichtigkeit aus, die vergessen lies, dass zwei wichtige Rollen krankheitsbedingt neu besetzt wurden mussten. 

Die Wiederaufnahme von Cosi fan tutte an der Komischen Oper überzeugte vor allem musikalisch und durch die Übertragung in eine Restaurationswerkstatt.

Fazit

Leider gab es keinen Kommentar zur Einseitigkeit des Treuebegriffs: Die an die Wand projezierten Bilder zeigten alle nur anrüchige Darstellung halbnackter Frauen. Keine Männer, obwohl doch gerade dies eine Chance gewesen wäre um den Treuebegriff zu modernisieren: "Cosi fan tutti"

Großes Kompliment an die 4 Statisten, die wacker 3 Stunden auf den seitlichen Gerüsten saßen und so taten, als ob sie Bilder restaurieren. Man sah sie die ganze Zeit in unbequemen Körperhaltungen auf unbequemen Böden; von allen ignoriert und doch ständig den Blicken des Publikums ausgesetzt. Lasst euch zurufen: Bravo!

 

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