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Livekritik zu

Die Trojaner

30.03.2014 - 06.04.2014 | Berlin [ Charlottenburg ] / Deutsche Oper Berlin
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Der Opernfreund
am 02.04.2014

Ein paar Mal erinnert die Produktion von Berlioz‘ “ Les Troyens“  an die des Ring an der Deutschen Oper Berlin. Das nicht nur, weil am Schluss ein Scheiterhaufen für die unglücklich Liebende errichtet werden soll, sondern auch, wenn sich erst mit Beginn des Werks der Eiserne Vorhang hebt oder wenn Cassandre eine Art Schicksalsfaden zwar nicht nornenhaft durch die Finger gleiten lässt, aber in einem geheimnisvollen Strickzeug verarbeitet. David Pountney hat große Oper wirklich als solche auf die Bühne gebracht, ohne Pathos und Leidenschaft zu verleugnen, und stellt die beiden Handlungsteile in krasser Optik einander gegenüber. Ist bei den Trojanern alles krude, gewaltig, archaisch in Erdfarben und Rot, so schwelgt man in Didons Reich in hellem Gelb und März- bis Maiengrün und gleitet auch gern einmal ins Kunstgewerbliche ab (Bühne Johan Engels, Kostüme Marie-Jeanne Lecca). Ballett musste sein in der französischen Oper. Es ist hier die Crux der Aufführung, wenn endlos mit Glaskugeln umhergewallt, geschritten, stolziert wird. Trotzdem möchte man es der Stilgerechtheit der Aufführung wegen nicht missen. Dazu ist die Choreographie in den Trojaner-Akten auch eine viel stimmigere, handlungsgemäßere und damit erfreulichere (Renato Zanella). Es gibt ganz große Momente in dieser Aufführung: der Auftritt der Andromache mit ihrem Sohn, der Selbstmord der Trojanerinnen, das Erscheinen des Enée und seines Gefolges wie aus dem Hades selbst durch den Boden brechend und in Didons Reich einfallend wie das personifizierte Unheil. Über die Gestaltung des Liebesduetts kann man streiten, aber die Idee, die Sänger in den Himmel entschweben und den Liebesakt von Tänzern auf dem Boden vollziehen zu lassen, ist zumindest originell. Das Regieteam hat das Werk sichtbar ernst genommen und nicht versucht, ihm eine wie auch immer geartete Ideologie überzustülpen. So dürfte kaum jemand bereut zu haben, knappe fünf Stunden eines schönen Frühlingsnachmittags und –abends in der Oper verbracht zu haben.
 
 
Interessant war auch die Besetzung, vor allem die des Enée mit Roberto Alagna. Wer als der in Frankreich aufgewachsene, aber aus Italien stammende Tenor könnte berufener sein, diese Partie wundervoll idiomatisch mit perfekter voix mixte zu singen. Die Stimme ist inzwischen sehr heldisch geworden, hat das aparte Timbre und die Höhensicherheit bewahren können und ist so zu strahlenden Spitzentönen fähig. In die Inszenierung fügt sich der Sänger problemlos ein. Bereits bekannt als Cassandre war Ildiko Komlosi, die ihre hochsolide, erdverbunden erscheinende Interpretation mit sicher geführtem, robustem Mezzosopran wiederholte. Sehr geschickt baute sie ihre große Szene zu Beginn aus dem Piano kommend und sich ständig steigernd auf. Wohl inzwischen Sorgen machen muss man sich um Markus Brück, den Chorèbe der Premiere, der auch für die diesjährigen Vorstellungen vorgesehen war und, wie in letzter Zeit häufig, absagen musste. Für ihn war Oleksandr Prytolyuk eingesprungen, der zwar nicht die geschmeidig zärtlichen Töne seines Vorgängers für die schöne Partie hatte, aber doch einen dunkel gefärbten, schlanken Bariton einsetzen konnte. Ebenfalls ein Einspringer war Yosep Kang als Iopas, eine wahre Luxusbesetzung nach dem großen Erfolg des Sängers an der Wiener Staatsoper. Man meinte bei seinem Lied sogar den Startenor Alagna aufhorchen zu sehen, denn der dem Haus seit langem verbundene Sänger bewies, dass seine letzten Erfolge auch an der DOB im großen Fach keine Zufallstreffer waren.
 
 
Einen ebenfalls sehr schönen, noch lyrischeren Tenor stellte Álvaro Zambrano mit der Lied des Hylas vor. Béatrice Uria-Monzon gab eine so zarte wie königliche Didon, die das eigenartige Pompomkleid mit Würde trug und mit ebenmäßigem, geschmeidigem, elegant geführtem Mezzosopran auch vokal erfreute. Aus dem großen Ensemble ragten Ronnita Miller als Anna mit fülligem, nur leicht gutturalem Alt, Tobias Kehrer als basssatter Narbal und Seth Carico als ebenfalls das tiefe Fach würdig vertretender Panthée hervor. Ein quirliger Ascagne mit frischer Stimme war Siobhan Stagg. Quantitativ wie qualitativ Großes vollbrachte einmal mehr der Chor unter William Spaulding. Als neuer Dirigent nach Donald Runnicles war Paul Daniel gewonnen worden, der mit straffer Eleganz, angemessenen Tempi und viel Aufmerksamkeit für die Sänger seine Sache sehr gut machte.
 
Ingrid Wanja
deropernfreund.de

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