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Livekritik zu

Ehebrecherinnen in der Literatur: Anna Karenina, Madame Bovary, Effi Briest.

04.10.2016 | Mannheim / Zweigstelle Seckenheim (im Alten Rathaus)
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cgohlke
am 02.10.2018

Anna Karenina – die neunte

 

Zum neunten Mal stand am Montag, dem 1. Oktober, Christian Spucks Choreographie von Lew Tolstois Roman „Anna Karenina“ auf dem Spielplan des Bayerischen Staatsballetts, das mit diesem Abend seine neue Spielzeit eröffnete. Und es ist schier unglaublich, wie sich diese ganze Produktion seit der Premiere im November 2017 weiterentwicket hat!

Sicher, zu Beginn des ersten Aktes leidet der Abend unter einer gewissen Kurzatmigkeit: Szene folgt auf Szene, weil die umfangreiche Handlung des Romans halt irgendwie abgearbeitet werden muss. Aber dann findet das Ballett zu einer größeren Konzentration und damit auch zu einer tieferen Emotionalität. Dass die Gefühle der Protagonisten sehr viel klarer als noch im November erkennbar wurden, lag vor allem an einer Umbesetzung: Jonah Cook, der bei der Premiere in der Rolle des Lewin vollauf überzeugte, tanzte nun den noch wichtigeren Part des Grafen Wronski. Man konnte im Vorfeld ein wenig skeptisch sein, ob Cook dieser Partie darstellerisch und auch technisch gewachsen sein würde. Aber durch diese Umbesetzung gewinnt der Abend enorm an Dramatik: Herr Cook gibt Wronski als einen von Anfang an leidenschaftlichen Mann. Er ist es, der um Anna wirbt, wohingegen sie zunächst ausweicht und Distanz sucht. Obwohl von Natur aus kein klassischer Liebhabertyp, überzeugte Cook durch sein emotionales Spiel und durch meist sichere Technik (Hebefiguren wirkten nicht immer ganz anstrengungslos), so dass im Zusammenspiel mit Ksenia Ryzhkova wirkliche Spannung entstand. Die Tänzerin beeindruckte schon bei der Premiere mit exzellenter Technik, blieb im November aber als Figur noch etwas blass. Jetzt ist sie ganz in die Rolle hineingewachsen. Sie ist eine leidenschaftlich liebende und, besonders in der Auseinandersetzung mit ihrem Gatten, leidende Frau. Einer der Höhepunkte des Abends ist die Szene, die Anna zusammen mit Wronksi und Karenin (mit beeindruckender Präsenz: Emilia Pavan) in einem komplexen und zugleich eleganten pas des trois als zerrissene Figur zeigt, wobei die ganze Passage auch ein Fiebertraum Annas sein könnte. Einen zarten und anrührenden Kontrapunkt zur Dramatik um Anna, Wronski und Karenin setzen Jinhao Zhang als Lewin und Laurretta Summerscales als Kitty, die nach manchen Irrungen und Wirrungen schließlich ihr Liebesglück finden und mit dem Fahrrad in weiten Bögen über die meist dunke, aber atmosphärisch stimmige Bühne des Nationaltheaters fahren dürfen. Sehr schön heben sich die historisierenden Kostüme der Emma Ryott von den schwarzen Stofftapeten ab, mit denen die Wände bespannt sind. So war diese „Anna Karanina“ weit intensiver als noch vor einigen Monaten. Eine erstaunliche Entwicklung, zu der man die Tänzer des Staatsballetts nur beglückwünschen kann.

München, 1. Oktober 2018

Anna Karenina – die neunte

 

Zum neunten Mal stand am Montag, dem 1. Oktober, Christian Spucks Choreographie von Lew Tolstois Roman „Anna Karenina“ auf dem Spielplan des Bayerischen Staatsballetts, das mit diesem Abend seine neue Spielzeit eröffnete. Und es ist schier unglaublich, wie sich diese ganze Produktion seit der Premiere im November 2017 weiterentwicket hat!

Sicher, zu Beginn des ersten Aktes leidet der Abend unter einer gewissen Kurzatmigkeit: Szene folgt auf Szene, weil die umfangreiche Handlung des Romans halt irgendwie abgearbeitet werden muss. Aber dann findet das Ballett zu einer größeren Konzentration und damit auch zu einer tieferen Emotionalität. Dass die Gefühle der Protagonisten sehr viel klarer als noch im November erkennbar wurden, lag vor allem an einer Umbesetzung: Jonah Cook, der bei der Premiere in der Rolle des Lewin vollauf überzeugte, tanzte nun den noch wichtigeren Part des Grafen Wronski. Man konnte im Vorfeld ein wenig skeptisch sein, ob Cook dieser Partie darstellerisch und auch technisch gewachsen sein würde. Aber durch diese Umbesetzung gewinnt der Abend enorm an Dramatik: Herr Cook gibt Wronski als einen von Anfang an leidenschaftlichen Mann. Er ist es, der um Anna wirbt, wohingegen sie zunächst ausweicht und Distanz sucht. Obwohl von Natur aus kein klassischer Liebhabertyp, überzeugte Cook durch sein emotionales Spiel und durch meist sichere Technik (Hebefiguren wirkten nicht immer ganz anstrengungslos), so dass im Zusammenspiel mit Ksenia Ryzhkova wirkliche Spannung entstand. Die Tänzerin beeindruckte schon bei der Premiere mit exzellenter Technik, blieb im November aber als Figur noch etwas blass. Jetzt ist sie ganz in die Rolle hineingewachsen. Sie ist eine leidenschaftlich liebende und, besonders in der Auseinandersetzung mit ihrem Gatten, leidende Frau. Einer der Höhepunkte des Abends ist die Szene, die Anna zusammen mit Wronksi und Karenin (mit beeindruckender Präsenz: Emilia Pavan) in einem komplexen und zugleich eleganten pas des trois als zerrissene Figur zeigt, wobei die ganze Passage auch ein Fiebertraum Annas sein könnte. Einen zarten und anrührenden Kontrapunkt zur Dramatik um Anna, Wronski und Karenin setzen Jinhao Zhang als Lewin und Laurretta Summerscales als Kitty, die nach manchen Irrungen und Wirrungen schließlich ihr Liebesglück finden und mit dem Fahrrad in weiten Bögen über die meist dunke, aber atmosphärisch stimmige Bühne des Nationaltheaters fahren dürfen. Sehr schön heben sich die historisierenden Kostüme der Emma Ryott von den schwarzen Stofftapeten ab, mit denen die Wände bespannt sind. So war diese „Anna Karanina“ weit intensiver als noch vor einigen Monaten. Eine erstaunliche Entwicklung, zu der man die Tänzer des Staatsballetts nur beglückwünschen kann.

München, 1. Oktober 2018

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